dDer Soziologe Gerhard Schulze verteidigt in einem Essay die Rentnerin Bettina S., deren Freitod heftiger diskutiert wird, als das Leben. Er argumentiert mit den Ängsten, die jeder hat, dem das Pflegeheim blüht, zum Beispiel mit der Angst vor dem Verlust der Privatsphäre:
„Aber was gibt es für die Insassen eines Pflegeheims mehr als tatenloses Herumsitzen in schlecht gelüfteten Räumen? Was fangen sie mit ihrer Zeit an? Wie sieht ihr Alltag aus? Rentner und Rentnerinnen wie Bettina S. erwartet ein Zweibettzimmer, weil ihre Rente für etwas Besseres nicht reicht und die Sozialhilfe etwas Besseres nicht zahlt. Jeder Gefängnisinsasse lebt menschenwürdiger, denn er darf alleine in seiner Zelle hausen und es sich dort gemütlich machen. Im Pflegeheim dagegen droht der völlige Verlust der Privatsphäre. Mit einer wildfremden Person zusammengepfercht, deren Präsenz man nun tagein, tagaus ertragen muss: Allein das schon ist – von allen anderen Gräueln abgesehen – ein Grund, das Heim abzulehnen.
Völlig unbegriffen ist das Ausmaß der Verzweiflung, die bereits bei Menschen mittleren Alters zu beobachten ist. Was wird aus mir, wenn ich nicht mehr so leben kann, wie ich will? Wie vermeide ich die Existenz in einer Pflegeeinrichtung, bei lebendigem Leib begraben? Bettina S. brauchte ihre Bücher, ihren Computer, ihre eigenen vier Wände, ihre Selbstständigkeit wie ein Verhungernder Wasser und Brot. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, von Fremden gepflegt zu werden und noch mehr Bewegungsfreiheit zu verlieren, als sie schon verloren hatte. Was ist daran so schwer zu verstehen?“
Das ist exakt die Frage, die ich mir auch stelle. Vor allem, wenn ich die bischöflichen Appelle an die Pflicht dahinzuvegetieren höre…


