Der Tod als Rettung

dDer Soziologe Gerhard Schulze verteidigt in einem Essay die Rentnerin Bettina S., deren Freitod heftiger diskutiert wird, als das Leben. Er argumentiert mit den Ängsten, die jeder hat, dem das Pflegeheim blüht, zum Beispiel mit der Angst vor dem Verlust der Privatsphäre:

„Aber was gibt es für die Insassen eines Pflegeheims mehr als tatenloses Herumsitzen in schlecht gelüfteten Räumen? Was fangen sie mit ihrer Zeit an? Wie sieht ihr Alltag aus? Rentner und Rentnerinnen wie Bettina S. erwartet ein Zweibettzimmer, weil ihre Rente für etwas Besseres nicht reicht und die Sozialhilfe etwas Besseres nicht zahlt. Jeder Gefängnisinsasse lebt menschenwürdiger, denn er darf alleine in seiner Zelle hausen und es sich dort gemütlich machen. Im Pflegeheim dagegen droht der völlige Verlust der Privatsphäre. Mit einer wildfremden Person zusammengepfercht, deren Präsenz man nun tagein, tagaus ertragen muss: Allein das schon ist – von allen anderen Gräueln abgesehen – ein Grund, das Heim abzulehnen.
Völlig unbegriffen ist das Ausmaß der Verzweiflung, die bereits bei Menschen mittleren Alters zu beobachten ist. Was wird aus mir, wenn ich nicht mehr so leben kann, wie ich will? Wie vermeide ich die Existenz in einer Pflegeeinrichtung, bei lebendigem Leib begraben? Bettina S. brauchte ihre Bücher, ihren Computer, ihre eigenen vier Wände, ihre Selbstständigkeit wie ein Verhungernder Wasser und Brot. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, von Fremden gepflegt zu werden und noch mehr Bewegungsfreiheit zu verlieren, als sie schon verloren hatte. Was ist daran so schwer zu verstehen?“

Das ist exakt die Frage, die ich mir auch stelle. Vor allem, wenn ich die bischöflichen Appelle an die Pflicht dahinzuvegetieren höre…

Der Diamant zum ewigen Gedächtnis

Wer will schon verfaulen und von den Würmer gefressen werden? – Verbrennen? – Eher, obwohl es unheimlich ist, dass sich der Körper in den Flammen noch einmal aufrichtet. – Und dann? – Vergraben im Gemeinschaftsgraf? Verstreuen der Asche über Baumwimpfeln, im See? – Oder doch eher zum Diamanten verarbeiten lassen? – Etwas, das das junge Schweizer Unternehmen Algordanza anbietet? – Warum nicht?, das erspart den Angehörigen den Weg zu Friedhof, die Grabpflege, das heuchlerische Gedenken. – Sechs bis acht Wochen dauert das Verfahren: von der Asche zum Diamanten, als ewiges Gedächtnis. Man trägt das ewige Gedenken um den Hals, am Finger…

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Der Tod steht ihr gut

Der Leiche, meine ich. Sandra Danicke meint in Gregor Schneiders Kunstschaffen eine Abwärtsbewegung zu erkennen und mag sich nicht wundern übers seine Absicht, einen Sterbenden im Kunstmuseum zu installieren. Schon Schneiders Aktion im vergangenen Jahr in Berlin war nicht nach Danickes Geschmack. Schneider hat Statisten und Künstler vor der Staatsoper Schlange stehen lassen – um ihnen mitzuteilen, dass eben dieses Schlangestehen die Performance gewesen sei, um die zu sehen sie angereist und angelaufen gekommen waren.

„Die Anwesenden waren düpiert. Kenner von Konzept- und Aktionskunst konnten nur müde lächeln. Eine ähnliche Aktion hatte Maurice Lemaitre bereits 1951 durchgeführt, von John Cages 4′33-Stück gar nicht zu reden.“

Danicke ist davon überzeugt, dass Schneider Sterbende finden wird, die er zur Schau stellen kann. Auch an Schaulustigen werde es nicht mangeln.

Menschen womöglich, die ihre eigenen Verwandten nicht in den Tod begleiten möchten, im Rahmen der Kunst jedoch gerne mal eine Ausnahme machen.

Für die Sterbekunst

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„Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt“

Unter dem Titel „Protokoll eines langsamen Todes“ bespricht Hanno Loewy die erstmals auf Deutsch erschienene „Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt“. Eine Chronik, die zum Teil so trocken ist, dass es einem eiskalte Schauer über den Rücken jagt. Auch wenn einem das „Niemehr“ in den Ohr hallt; man vermag an letzteres heute kaum mehr zu glauben.

„Dreieinhalb Jahre verfassten sie täglich eine Chronik, die mit dem Wetterbericht begann. Es folgten Nachrichten aus dem Alltag der Stadt, vom Kulturleben bis zum Polizeibericht, von Meldungen über Streiks und Demonstrationen bis zur Gerichtsreportage, von Verlautbarungen der Behörden zu den Berichten aus der Wirtschaft und Produktion, Bevölkerungsdaten, Krankheiten, ja und im trockenen Ton der Statistik: die Sterbemeldungen. Darum ging es den wahren Herren dieser Stadt: ums Sterben. Möglichst geräuscharm, nichts sollte den Betrieb stören.“