Wortlaut vom Eklat am Davoser WEF

Zwischen Israels Präsident Schimon Peres und dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan ist es im Streit über den Gaza-Krieg beim Weltwirtschaftsforum in Davos zum Eklat gekommen. Darauf hat die AKP dafür Sorge getragen, dass Erdogan als Held gefeiert wurde. Damit sind weite Teile der türkischen Bevölkerung, der türkischen Politiker und der Medien nicht einverstanden.

Inzwischen sind mehrere Gerüchte zu Sinn und Zweck von Erdogans Ausraster in Umlauf. Zum einen möchte er Führer der islamischen Welt werden, zum anderen will die AKP den Schauprozess gegen Ergenekon verschleiern.

Der Wortlaut wird hier dokumentiert. Daraus geht hervor, dass Erdogan seine Redezeit sehr wohl genutzt hat.

Tipp: E.S.

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Hamas gratuliert Erdogan

Welche eine Wohltat für den türkischen Ministerpräsidenten, der an Obama die Forderung stellt, Hamas und Hizbullah vom Status der Terroristen zu befreien:

Die radikalislamische Hamas gratulierte Erdogan am Freitag für sein «mutiges Verhalten» in Davos. «Wir werten sein Verlassen des Saals als ein Ausdruck der Unterstützung für die Opfer des von den Zionisten angerichteten Holocaust», sagte Hamas-Sprecher Fawzi Barhoum gemäss einer Mitteilung.

Heute steht Erdogan damit auf der Seite der Hamas; er hat nichts unterlassen, diesen Eindruck zu verstärken – alles im Interesse der Wahlen in der Türkei.
Die türkischen Islamisten sind an seiner Seite…

Erdogan behauptete, Shimon Peres habe sich bei ihm entschuldigt, was ein israelischer Sprecher dementiert.

Erdogan „Eroberer von Davos“

Mit Triumphgeheul ist Erdogan in der Türkei empfangen worden. Die Türken empfingen ihn mit türkischen und palästinensischen Flaggen, vereinzelt wurden auch Hamas-Fähnchen geschwenkt und antiisraelische Slogans gerufen. Auf Transparenten wurde er als „Eroberer von Davos“ bezeichnet.

Es ist paradox, dass ausgerechnet Erdogan, der die Kurden in der Türkei abschlachten lässt wie Vieh, sprach in Davos über das 5. Gebot „Du sollst nicht töten“. Als Ignatius, der Moderator, ihm die Hand auf seine Schulter legte, um ihn zu bremsen, schob Erdogan sie mehrmals zurück. Es kam zu einem Wortgefecht: Peres habe man „über 20 Minuten Redezeit“ gegeben, ihm „praktisch gar keine mehr“, entrüstete sich der Premier. Dann stand er auf, verließ das Podium mit dem Ruf, er komme nie wieder nach Davos.

Daran sollte er sich jetzt auch halten! Obwohl Klaus Schwab, versuchte, die Stimmung zu retten.

Im Nachhinein erklärt Erdogan, seine Wut richtete sich  nicht gegen Peres, sondern gegen den Moderator David Ignatius, der ihn beleidigt habe, weil Peres 25 Minuten habe sprechen können und ihm, Erdogan, nur ein paar wenige Minuten eingeräumt worden seien.

Quelle SDA

Erdogan zerschlägt alles Porzellan

THOMAS SEIBERT berichtet aus ISTANBUL
Der Premier setzt mit seinen Wutausbrüchen Ankaras Nahost-Rolle aufs Spiel
Kritiker bemängeln die Unparteilichkeit von Erdogan im Gaza-Krieg und fürchten um die Vermittlerrolle der Türkei in Nahost.
Wie ein treuer Verbündeter Israels klang der türkische Premier Erdogan in den vergangenen Wochen nicht gerade. Mit dem Militäreinsatz in Gaza habe Israel ein «humanitäres Drama» ausgelöst. «Der Fluch der im Bombenhagel getöteten Kinder, der wehrlosen Frauen, der Tränen» werde Israel treffen, sagte Erdogan in einer Rede vor Anhängern. «Nieder mit Israel», rief die Menge.

Zwei Monate vor den Kommunalwahlen, die als wichtiger Stimmungstest für seine Regierung gelten, mag Erdogan mit seiner antiisraelischen Rhetorik und seiner Unterstützung für Hamas zwar seine islamistische Wählerschaft motiviert haben. Er hat aber auch viel aussenpolitisches Porzellan zerschlagen, sagen Kritiker. Die Türkei habe ihre Unparteilichkeit über Bord geworfen und könne deshalb ihre Vermittlerrolle im Nahen Osten vergessen, sagte Ex-Aussenminister Hikmet Cetin der Zeitung «Cumhuriyet». Es sei ein grosser Fehler, sich im jüngsten Konflikt ganz klar auf die Seite von Hamas zu stellen und anschliessend vermitteln zu wollen.

Dabei war das Nahost-Engagement einer der Glanzpunkte der türkischen Aussenpolitik in den letzten Jahren. Die Türken brachten zwei Erzfeinde, Israel und Syrien, zu indirekten Friedensgesprächen zusammen. Sie hatten gute Beziehungen zu Israel, aber auch zu den Palästinensern. Die Türkei war in Nahost ein Land, das mit allen reden konnte – und dem überall zugehört wurde.

«Wir führen keinen Tante-Emma-Laden»

Damit ist es jetzt vorbei, sagen Kritiker wie Cetin. Erdogans harsche Kritik am israelischen Verbündeten wird von ihnen als Hinweis verstanden, dass die Türkei drauf und dran ist, ins Lager der Israel-Feinde abzudriften. Als der israelische Premier Ehud Olmert vor zehn Tagen ein halbes Dutzend westliche Politiker zu Gesprächen einlud, fehlte auf der Einladungsliste der Name des türkischen Präsidenten Abdullah Gül.

Doch möglicherweise ist der aussenpolitische Schaden, den Erdogan seinem Land eingebrockt hat, weniger gross als befürchtet. Einige Beobachter betonen, Erdogan wisse sehr genau zwischen Rhetorik und konkreten politischen Schritten zu unterscheiden. So lehnte er einen von der Opposition geforderten Abbruch der Beziehungen zu Israel mit staatspolitischen Argumenten ab: «Wir führen hier keinen Tante-Emma-Laden, sondern regieren die Türkische Republik.»

Zudem nimmt Erdogan den Gesprächsfaden mit der israelischen Führung wieder auf: Am World Economic Forum in Davos trifft er sich morgen mit dem israelischen Präsidenten Schimon Peres.

Selbst Vertreter Israels gaben zu verstehen, dass sie Erdogans Wutausbrüche nicht für den Beginn einer politischen Wende halten. Mordehai Amihai, Generalkonsul in Istanbul, erinnerte in der Zeitung «Milliyet» daran, dass es ähnliche Krisen bereits in der Vergangenheit gegeben habe. Er erwarte eine Rückkehr zur Normalität in den Beziehungen.

Israel erwartet Rückkehr zur Normalität

Bei den eigenen Landsleuten hat Erdogan aber möglicherweise antisemitische Tendenzen gestärkt. Konsul Amihai berichtete von mehreren hundert antisemitischen E-Mails, die jeden Tag in seinem Konsulat eintreffen würden. Selbst humanitäre Initiativen für die Bewohner des Gazastreifens enthalten häufig starke antiisraelische Untertöne. Eine Zeitungsbeilage rief zu Spenden für Gaza auf – und präsentierte auf der Rückseite mehrere Landkarten, die eine fortschreitende illegale Landnahme der Israeli zeigten.

«Wir können die politische Kritik an Israel verstehen, aber die Versuche, diesen politischen Konflikt zu einem religiösen Krieg zwischen Juden und Muslimen zu machen, sind sehr gefährlich», sagte Amihai. Nun will Erdogan bei seinem Treffen mit Peres in Davos betonen, dass für ihn Antisemitismus und «Islam-Phobie» gleichermassen verdammenswert seien. Israel hofft, dass die Anhänger des Premiers dabei genauso aufmerksam zuhören werden wie bei seinen Brandreden während des Gaza-Kriegs.