„Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt“

Unter dem Titel „Protokoll eines langsamen Todes“ bespricht Hanno Loewy die erstmals auf Deutsch erschienene „Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt“. Eine Chronik, die zum Teil so trocken ist, dass es einem eiskalte Schauer über den Rücken jagt. Auch wenn einem das „Niemehr“ in den Ohr hallt; man vermag an letzteres heute kaum mehr zu glauben.

„Dreieinhalb Jahre verfassten sie täglich eine Chronik, die mit dem Wetterbericht begann. Es folgten Nachrichten aus dem Alltag der Stadt, vom Kulturleben bis zum Polizeibericht, von Meldungen über Streiks und Demonstrationen bis zur Gerichtsreportage, von Verlautbarungen der Behörden zu den Berichten aus der Wirtschaft und Produktion, Bevölkerungsdaten, Krankheiten, ja und im trockenen Ton der Statistik: die Sterbemeldungen. Darum ging es den wahren Herren dieser Stadt: ums Sterben. Möglichst geräuscharm, nichts sollte den Betrieb stören.“

Aus der Mottenkiste geholt

Sie nehmen ihn wieder hervor, den Emil Staiger, den sie 1966/67 nach seiner Dankesrede für den Zürcher Literaturpreis in die Mottenkiste verbannt haben. Er wird im Zusammenhang mit „Aktualität“ wieder genannt, Staiger, der „Frontist“, der die „Verbannten“ und „Verbrannten“ auch noch nach dem Krieg in seinen Vorlesungen dort ließ, wohin das 3. Reich sie geworfen hat: auf dem Misthaufen der Geschichte.
Julian Schütt begrüsst es, dass Staiger in unsere Zeit hinübergerettet wird, er schreibt

„Sein Ausschluss aus dem Literaturwesen mutet aus heutiger Sicht genauso unverhältnismässig, ignorant und revanchistisch an wie zuvor seine gehässige Tirade gegen Schreibende, die an seiner statt dieses Literaturwesen zunehmend beglaubigt haben.“

Diese Meinung teile ich nicht; Staigers Anhänger der Gegenwart blenden dessen nationalsozialistische Vergangenheit aus und tun so, als hätte er sich nicht aus Eigennutz geweigert, das germanistische Tun und Treiben im Dritten Reich kritisch zu betrachten.

[ Zu Emil Staigers Wiederentdeckung ]

„Hakenkreuz und Kaviar“

oder „Das mondäne Leben im Nationalsozialismus“ von Fabrice d’Almeida. Als mir der Titel ins Auge sprang, schoss mir der Gedanke, „schon wieder ein Buch, das Welt nicht braucht“ durch den Kopf. Fabrice d’Almeida folgt Autoren wie George Mosse und Emilio Gentile, die mit ihrer These vom Faschismus als „politischer Religion“ die Forschung beeinflussen. Er zementiert die These der Verführung aus und macht eine kleine Gruppe an der Spitze der damaligen „Gesellschaft“ aus, die sich zur Unterstützung eines verbrecherisches System hat locken lassen.
Er beschreibt, die Nazis, der sich die Umgangsformen der „Elite“ zunutze machten bis sich aus der „Elite“ und den Nazi-Bonzen ein Jetset des Dritten Reiches formierte.
D’Almeida greift auf die veröffentlichten Memoiren der Kammerdiener und Sekretärinnen Hitlers zurück und vermixt diese mit dem, was er den Archiven zu entnehmen in der Lage ist, analysiert eine Namensliste, die Fritz Reinhardt im Juni 1938 auf Goebbels Wunsch zusammengestellt hat.
Die Liste enthält Namen wie z.B. Hans Albers, Käthe Dorsch, Gustav Gründgens und Heinrich George, aber auch Wilhelm Furtwängler. Sie, die Künstler, die hohen Militärs und die Aristokratie sollen außerordentliche Steuerprivilegien vom Deutschen Staat erhalten haben, wurden zu rauschenden Festen eingeladen, mit wertvollen Geschenken überhäuft, ließen sich korrumpieren und akzeptierten wissentlich den Holocaust.
Grundsätzlich neue Erklärungen zur Entstehung und Etablierung des Nationalsozialismus bringt d’Almeida, obwohl er es im Vorwort ankündigt nicht.
Mein Eindruck hat mich nicht getäuscht; „Hackenkreuz und Kaviar“ ist ein Buch, das die Welt nicht braucht.

Siegfried Unseld und Peter Weiss – Briefwechsel

Der Briefwechsel dokumentirt das Zusammenwirken von Autor und Verleger und verweist gleichzeitig auf die literarische Entwicklung der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Da ist einmal Peter Weiss, der 1916 geborene Emigrant, der in Schweden wohnte und sein erstes Buch in deutscher Sprache 1960 veröffentlichte. Weiss begann als experimenteller Erzähler und Dramatiker, schuf später eine eigene Form des politisch engagierten Theaters und vollendete kurz vor seinem Tod 1982 Roman-Essay über die Kämpfe gegen die Epoche des Faschismus. Und dort ist der Verleger Siegfried Unseld, der verantwortlich für den Suhrkamp Verlag war und der alles daran setzte Werke experimentierender Autoren zu veröffentlichen und auf den Markt zu bringen und dafür zu sorgen, dass sich Leser für sie fanden.

Am Ende dieser literarischen Partnerschaft blieb nur Verbitterung. Die letzten Briefe, die zwischen den beiden so ungleichen Männern hin und her gingen, dokumentieren eine tiefe Enttäuschung. Nach zwanzig Jahren einer fragilen, immer wieder von Argwohn verdunkelten Freundschaft mussten Peter Weiss und Siegfried Unseld erkennen, dass die gegenseitige Entfremdung nicht mehr aufzuhalten war. Zu gross war der Gegensatz zwischen dem selbstquälerisch-vergrübelten, in seine Selbstbeobachtungsmanien verstrickten Schriftsteller und Maler aus Stockholm und dem stets enthusiastischen, die literarische Welt mit seiner Dynamik bestürmenden Verleger aus Frankfurt.

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Florian Havemann – Neuauflage?

So kann es einem Buch ergehen: Verkauf der Gesamtauflage, Klagen von Leuten, die sich im Buch wiederzuerkennen glauben, Juristenfutter und Richterbeschäftiger – und schließlich findet es seinen Weg ins Netz.

„Havemann“ ist gegenwärtig nicht lieferbar. Die erste Auflage wurde weitgehend verkauft, dann musste der Suhrkamp Verlag, nachdem juristische Schritte angedroht worden waren, das indiskrete Werk zurückziehen. Aber dieses Buch wird seinen Weg machen, so oder so. Denn es enthält ein derart dichtes Porträt deutscher Zustände, von der NS-Zeit über die DDR bis heute, von nahem gesehen, im Mikrokosmos einer Familie, einer Freundes- und Kunstwelt, dass es mit einer inneren Notwendigkeit auftreten kann.

Die Kritik hatte sich zunächst auf die skandalisierbaren Passagen geworfen, auf das ungünstige Bild, das Florian Havemann von Wolf Biermann zeichnet (aber nicht von diesem kamen die juristischen Schritte), und auf den vermeintlichen Vatermord, also die krass-realistische, eben auch Schattenpartien verdeutlichende Schilderung der Welt des Vaters, des gefeierten DDR-Oppositionellen Robert Havemann.
Und tatsächlich schreibt Florian Havemann manchmal wie ein Berserker, aber eben auch mit großer Geduld, in die komplizierten Einzelheiten gehend, immer wieder von einer andern Seite her die Menschen betrachtend. Und welche Menschen: den Dichter Erich Fried, den Dramatiker Thomas Brasch, den Revolutionär Rudi Dutschke. Niemals mit einem sterilen Hass, aber eben auch nie mit der interessierten Legende paktierend, die sich um diese Menschen gewoben hat.

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Zum Holocaust Gedenktag

Am 27. Januar ist Holocaust-Gedenktag. Es scheint, als würde in breiten Kreise versucht, das Erinnern der Ereignisse, die diesen Gedenktag notwendig machen, auszumerzen. Simone Veil hat den Wahnsinn des Konzentrationslagers Ausschwitz überlebt. Sie schildert in ihrer Autobiografie das Grauen der Deportation und der Lagerhaft – und sie beschreibt, wie ihr späteres Leben vom Holocaust geprägt blieb.

„Wir sind keine Menschen mehr, nur noch Vieh.(…) Innerhalb von Stunden waren wir also all dessen beraubt worden, was uns bis dahin ausgemacht hatte.“

Auszug aus „Une Vie“, Autobiografie von Simone Veil, erschienen bei Stock 2008
Hier gehts zur Todesfuge von Paul Celan