Vielleicht hätte er es doch lassen sollen, der Martin Walser, der sich für seinen neuen Roman „Ein liebender Mann“ an Goethe überhoben zu haben scheint. Thomas Mann wollte es tun, Martin Walser hat es getan.
Tilman Krause hat sich eingehend mit dem Buch, den Ereignissen darin und den Figuren befasst. Er schreibt:
Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Eine Geschichte mit „schauerlich-komischen, hochblamablen, zu ehrfürchtigem Gelächter stimmenden Situationen“ sah Thomas Mann in der berühmten letzten Liebe des alten Goethe zu der 54 Jahre jüngeren Ulrike von Levetzow, die ihm einen Korb gab. Die „Tragödie des Meistertums“ gar wollte er an dieser Episode im Leben Goethes, die durch die daraus gewonnene „Marienbader Elegie“ auch Literaturgeschichte machte, darstellen – und schrieb dann doch lieber die Novelle „Der Tod in Venedig“.
(…)
„Ein liebender Mann“ datiert den Tod der Ulrike von Levetzow auf das Jahr 1900 statt 1899, es nennt Knebel Goethes „Erzfreund“, obwohl der ihn „Urfreund“ nannte. Es behauptet, Goethe sei nie in Berlin gewesen, wo dieser 1778 eine knappe Woche verbrachte. Und es schreibt die berühmte Formulierung über Napoleons befohlene Erschießung des Herzogs von Enghien, sie sei „mehr als eine Verbrechen, nämlich ein Fehler“ gewesen sei, dem „Polizeiminister Fouqué“ zu, obwohl dieser Polizeiminister Fouché hieß, der den Satz aber gar nicht sagte (sondern Talleyrand). Wahrlich, hier hat jemand ganze Arbeit geleistet.
Doch das sind letztlich Kleinigkeiten. Viel ärgerlicher und den guten Eindruck des ersten von drei Teilen verderbend ist der stilistische Bruch, der sich durch dieses Buch zieht von dem Moment an, wo Walser den Goethe gibt. Er kann es nicht, und wenn er es schon tun muss, so hätte er vielleicht doch etwas intensiver studieren sollen, wie Thomas Mann dies vorgemacht hat, von dem Walser das Schluss-Motiv, Goethes Erwachen mit Erektion, übernimmt. Über sechs lange Kapitel hatte sich Thomas Mann seinerzeit in „Lotte in Weimar“ zu seinem Goethe-Ich vorgearbeitet, wissend um die unerhörte Kühnheit seines Unterfangens, die er gerade darum so glanzvoll bestand.
So bleibt denn „Lotte in Weimar“ der eine, einzige Ausnahmefall der deutschen Literatur, in dem ein Nachgeborener dem Alten von Weimar kongenial zu werden vermochte. Martin Walser schafft es ansatzweise. Er schafft es, solange er komisch sein kann. Tragik, Schmerz, Verzicht und Sublimationskultur: Das geht wohl doch über seinen Horizont. „
Er ist der erste, der nicht restlos begeistert von Marin Walsers neuem Werk ist.


