Jonathan Littell über Peter Handke

Jonathan Littell hat der Weltwoche ein Interview gegeben, das heute vollständig abrufbar ist. Littell, der von sich sagt, die Opfer des Naziregimes interessierten ihn überhaupt nicht, dafür die Täter umso mehr, kritisiert in dem Interview Peter Handke.

„Peter Handke tötet niemanden. – Okay, aber er ist ein Arsch.“

Was ist dann, mit Verlaub, Jonathan Littell?

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Nachwort zu Littells Essay über Léon Degrelle

Hier finden Sie das Nachwort Klaus Theweleits zu Jonathan Littells Essay über Leon Degrelle, das real existierende Vorbild zu seinem fiktiven Protagonisten Max Aue.

Als ich 1977 die Untersuchung zu den deutschen Freikorps beendete, die in den Jahren nach 1919 die deutschen Arbeiteraufstände niederschlugen und sich später selber als „die ersten Soldaten des Dritten Reiches“ feierten, hatte ich keine Ahnung, welche Rolle das Buch – veröffentlicht unter dem Titel „Männerphantasien“ – in der Geschlechterdiskussion unterm Zeichen des einsetzenden Feminismus spielen sollte. Etwas anderes wusste ich: Ich hatte etwas geliefert, was es bis dahin nicht gab, den Versuch, den Faschismus, den Nationalsozialismus, nicht als Ausgeburt einer fürchterlichen „Ideologie“ zu beschreiben, sondern, ausgehend vom Mann-Frau-Verhältnis in der europäischen Geschichte, als eine gewalttätige Art und Weise, „die Realität“ herzustellen: die politische mörderische Realität des faschistischen Gewaltstaats nicht als Folge von Ansichten, Ideen oder Industrie-Interessen, sondern als umgesetzten Ausdruck verheerender Körperzustände seiner Protagonisten – der faschistische Staat als Realitätsproduktion des Körpers des soldatischen Mannes.

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Angriff auf die Littell-Kritiker

Klaus Theweleit greift all jene an, die mit Littell und seinen „Die Wohlgesinnten“ nicht oder nicht viel anzufangen wissen.

„Gibt es Regeln in der Literatur, Frau Radisch?“ „Aber ja“, schallt die Antwort, „aber nur!“, aus der „Zeit“ wie aus manch anderem deutschen Feuilleton – einem Buch entgegen, dessen Ruf von Westen her über den Rhein gewaltig zu uns dringt; das überall entschieden besprochen ist, bevor der deutsche Verlag es überhaupt ausgeliefert hat; dem heftig die rote Karte gezeigt wird; dem nachgewiesen wird, dass man in Frankreich, wo dieser Schmarren 800.000 Mal verkauft worden ist, wieder mal keine Ahnung hat von so urdeutschen Angelegenheiten wie den Massenmorden des Zweiten Weltkriegs und der angestrebten Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazi-Deutschen. Es hallt ein Ruf wie Donnerhall: „So nicht, Herr Littell!“
Was hat er denn getan, der Arme? Er lässt auf 1381 Seiten – etwas reichlich, zugegeben – die deutsche Kriegs- und Ausrottungspolitik der Jahre 1941 bis 1945 von einem Ich-Erzähler ausbreiten, der unter dem Namen Max Aue, SS-Obersturmbannführer, figuriert. Er nennt das Ganze Roman, lässt die deutschen Mordgeschichten darstellen aus der Sicht und in der Sprache eines hochrangigen Täters, wobei er die Personennamen der tatsächlichen Geschichte benutzt. Historisch scheint er bestens informiert. Die SS-Leute, die auftreten, und die Handlungen, die er beschreibt, hat es gegeben. Aber: Täterperspektive, womöglich Einfühlung; „darf man das?“ Wo wir sonst – Regel! – an Bücher aus der Opferperspektive gewöhnt sind; die wir gelernt haben, gut und geduldig zu goutieren.

Wollen die Deutschen tatsächlich nur die Opferrolle spielen? – Oder sind sie aus vielen anderen Gründen nicht einverstanden mit Littell?

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Littell verklärt den Holocaust

Langsam, aber sicher kriechen sie aus den Löchern, die Kritiker der „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell. Zu ihnen gehört auch Christoph Jahr. Er schreibt

Wohl noch nie wurde ein «historischer» Roman in Deutschland bereits im Voraus mit derart grosser Medienbegleitung bedacht wie Jonathan Littells 1400-Seiten-Epos «Die Wohlgesinnten». Das liegt, so darf man sagen, ohne ihm zu nahe zu treten, nicht am Autor, sondern allein an seinem Stoff. Schon in Frankreich hat Littell Aufsehen erregt, heftige Kritik geerntet, aber auch Lob und Anerkennung. Nun sind «Les Bienveillantes» auf Deutsch erschienen und sorgen auch im «Land der Täter» für aufgeregte Diskussionen. Das ist offensichtlich so gewollt; dass es sich lohnt, darf bezweifelt werden.

Endlich einer, der in der Lage ist, den Inhalt der endlos langen Geschichte auf einige Sätze schrumpfen zu lassen:

Der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, Obersturmbannführer Max Aue, tritt, noch nicht einmal 25 Jahre alt, 1937 in den «Sicherheitsdienst» der SS ein. Dort macht er zunächst nur sehr zögerlich Karriere. Erst der deutsche Überfall auf die Sowjetunion eröffnet ihm die Möglichkeit, als Mitglied des «Sonderkommandos 4a» seine nationalsozialistische Ideologie mit mörderischer Radikalität in die Tat umzusetzen. Mit dem Überqueren des Grenzflusses Bug im Gefolge der Wehrmacht Ende Juni 1941 beginnt, von zahlreichen Rückblenden unterbrochen, der eigentliche Erzählstrang des Romans, der, bisweilen dicht am Landser-Kitsch entlangschrammend, bis in die letzten Kriegstage führt.

Und kommt zum Schluss

Littell nimmt nun nicht nur die Perspektive eines Täters ein, er fordert seine Leser auch zur Identifikation mit ihm auf. Zugleich anthropologisiert er die Schuldfrage, indem er Aue verkünden lässt, dass jeder andere an seiner Stelle mit grosser Wahrscheinlichkeit genau das getan hätte, was er getan hat. Indem Littell seinem Roman die Züge einer antiken Tragödie verleiht, wird alles Geschehen und Handeln zum unbeeinflussbaren Schicksal: Jeden hätte es treffen können, gleich ob als Täter, Opfer oder Zuschauer. Alles ist zufällig und beliebig, nicht beschreibbar in den Kategorien von Schuld und Verantwortung. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust erscheinen als ein Drama der Weltgeschichte wie viele davor und viele danach. Im deutschen – und europäischen – Erinnerungskontext ist das ein grosser Schritt rückwärts. Daher bleibt zu hoffen, dass Littells überladener Roman keine Bedeutung für die kollektive Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Holocaust erlangt.

Rezension des Romans „Die Wohlmeinenden“

Der Schriftsteller Georg Klein rezensiert auf einer ganzen Seite unter dem Titel „Die Bosheit der Toten“ Jonathan Littells Roman „Die Wohlmeinenden“ und klagt:

„Was bedeutet es für uns, wenn sich ein wie wir Nachgeborener aus der Fülle des recherchierbaren Materials die Haut eines solchen Erzählers schneidert? Wer sich derart drastisch kostümiert, wird sich als Autor auf eine besondere Weise entkleiden. Und wer ihm wie ich als gläubig imaginierender Leser gefolgt ist, hat Anteil an dieser Entblößung. Dies gilt vor allem für unser zeitgenössisches Verhältnis zum Bösen. Die Bannung, die Historie und Literatur eine gewisse Zeit lang anzubieten hatten, beginnt offensichtlich zu schwächeln. Das historische und das historisierende literarische Erzählen haben zermürbt, was sie eine Zeitlang in Stand hielten und immer noch in Stand halten sollen.“

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Jonathan Littell erklärt jeden zum Nazi

Nicht nur im Reading Room wird über Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ nachgedacht. Tilman Krause hat das Buch gelesen und kommt zum Schluss

Es ist ein aufwühlendes emotionales Abenteuer, in das uns Jonathan Littell schickt, ein Abenteuer, dessen menschliche Elementargewalt weit über den historischen Rahmen hinausreicht, in den Littell es gestellt hat. Dass er darüber hinaus unserem Bild vom faschistischen Charakter neue, über Theweleits „Männerphantasien“ hinausgehende Züge gibt, macht sein Buch, das allerdings in seinen Längen und Detailobsessionen Schwächen des Erstlings zeigt, anregend und interessant.

Was nicht viel aussagt.

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