Hugo Loetscher ist tot

Er starb heute, kurz vor seinem 80. Geburtstag an den Folgen einer Operation. Morgen werden die Feuilletonisten ihm nachrufen. Am kommenden Freitag erscheint sein neues Buch «War meine Zeit meine Zeit»: die intellektuelle Bilanz Hugo Loetschers, in der er die Themen seines Lebens und seines Werks zu einer weltumspannenden Autogeographie entfaltet. Die Summa eines grossen literarischen Werks und eines unerschöpflich neugierigen Geistes, wie der Verlag schreibt.

David Grossman: „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“

Der israelische Schriftsteller David Grossman schrieb ein Epos über sein Land. Er schritt es ab, erzählte – und hoffte, seinen Sohn Uri, den Soldaten im Krieg, zu beschützen. Letzteres ist ihm misslungen, dafür hat er Weltliteratur geschreiben, schreibt Julia Encke.

Kann ein Buch ein Leben retten? David Grossman hat es gehofft. „Ich hatte damals das Gefühl – oder genauer gesagt, die Hoffnung –, dass das Buch, das ich schreibe, Uri schützen wird“, heißt es im Nachwort seines Romans, der von Beginn an anders sein sollte als seine vorhergehenden Bücher; anders als „Sei du mir das Messer“ oder „Das Gedächtnis der Haut“. Denn von seinen politischen Essays abgesehen, hat der 55-jährige Schriftsteller, der zu den größten in Israel gehört, lange versucht, gerade nicht über die erwartbaren „Unheilzonen“ zu schreiben, nicht über das, was man in Israel „ha-Mazaw“ nennt, „die Lage“. Vielmehr schrieb er über Dinge, die ihm nicht weniger wichtig erschienen: über Eifersucht, obdachlose Kinder in Jerusalem, über ein Paar, das sich eine Liebessprache erfindet.

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Grimmelshausens Simplicissimus

Thomas Schmid hat eine von Reinhard Kaiser in modernes Deutsch übersetzte Ausgabe von Grimmelshausens „Simplizissimus“ gelesen; er kommentiert die neue Ausgabe:

Man liest den Roman nun ohne Stocken, fast ohne Blättern in die Anmerkungen am Ende des zweiten Bandes. Die Übersetzung überzeugt vor allem deswegen, weil sie behutsam ist. Kaiser hat nicht den Versuch gemacht, das Buch mental in dieses Jahrhundert zu hieven und in heute gängige Jargons einzupacken – wie es kürzlich mit einer Neuübersetzung von T.S. Eliots „Waste Land“ geschah. Dieser Übersetzer war von der ersten bis zur letzten Zeile ein Diener des Autors. Er hat den Roman durch alle Barrieren hindurch in die Gegenwart geschmuggelt und ihn trotzdem einen Roman des 17. Jahrhunderts sein lassen.

Was ein Autor alles tun muss

oder der Film „Gestorben wird später“ von Hans Zengeler

Hans Zengeler: Gestorben wird später

Er ist endlich da, der neue Roman von Hans Zengeler mit dem Titel „Gestorben wird später“. Eine heitere, unterhaltsame Geschichte mitreißend erzählt. Ich hatte das Vergnügen, den Roman in der Rohfassung zu lesen – und war begeistert.

„Es war klar, dass es auf eine Katastrophe hinauslief. Musste es ja. Josef Bloch konnte sich nicht vorstellen, warum ausgerechnet er von den Schicksalsschlägen, die andere in den vergangenen Monaten reichlich getroffen hatten, verschont bleiben sollte. Es war Sonntag. Ihm blieben noch zwei Tage. Gleich nach dem Frühstück stieg Josef in das Zimmer unter dem Dach, um dort seinen letzten Willen zu Papier zu bringen …“
So beginnt der Roman um Josef Bloch, einen Endfünfziger, der glaubt, das Alter sei noch kein Thema für ihn. Warum auch, wo er doch bisher immer die Erfahrung gemacht hat, für viel jünger gehalten zu werden. Außerdem wirkt auch in ihm das bekannte Phänomen, dass immer nur die anderen älter werden, während man selbst glaubt, mit ewiger Jugend gesegnet zu sein. Das ändert sich für Josef schlagartig, als ihm plötzlich, ohne Vorwarnung, zwei seiner besten Freunde wegsterben, was ihn zu der Erkenntnis zwingt, dass er sich bereits mitten im Zielgebiet aufhält …
Ein durchaus heiterer Roman über das Leben und Sterben, über die Liebe und das leider unaufhaltsame Altern? Könnte sein. Manchmal allerdings zum Davonlaufen tragisch. Vor allem, wenn es einem selbst an den Kragen geht.

Eine Leseprobe finden Sie hier
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„Softcore“ – Sex, Drogen und Langeweile

Omid Nouripour hat den Roman „Softcore“ des Deutsch-Iraners Tirdad Zolghadr gelesen. Er ist in dem Buch einem psychedelisch schillernden Psychogramm der iranischen Oberschicht begegnet und stellt fest, die Teheraner-Oberschicht ist genauso dekadent wie jede andere dieser Art.

„In „Softcore“ beschreibt der Protagonist sein sporadisch geführtes Engagement für eine Galerie. Ihn treibt dabei aber nicht etwa sein Kampf für die Kunstfreiheit an, sondern eher seine dominante, wohlhabende Freundin Stella. Diese ostentativ postmoderne Lebensweise wird ihm allerdings in der politisch-explosiven Atmosphäre des Iran zum Verhängnis. Tirdad wird verhaftet, weil er einen Blumenladen filmt, er gerät in Machenschaften, die er nicht versteht, er ist ferngesteuert und überfordert und redet sich dabei ein, er würde die Welt überfordern. Die Hybris des Bohemiens in Teheran ist also eigentlich genau dieselbe wie an den anderen Orten der Handlung, seien sie Lagos, Beirut, Hamburg oder Zürich auch. Diese Grundhaltung aber ist in Teheran tödlich.“

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Jonathan Littell ist nur an Sex interessiert

Tilman Krause hat Jonathan Littell in Berlin gelauscht und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Littell interessiert sich nicht einmal am Rande für Geschichte, sondern lediglich für Sexfantasien in Nazikostümierung. Das aber wertet „Die Wohlgesinnten“ für Krause nicht eigentlich ab. Im Gegenteil…

Jonathan Littell erklärt die Nazis

Tilmann Krause hat mitverfolgt, wie Jonathan Littell in Berlin mit Historikern über seinen Roman „Die Wohlgesinnten“ diskutierte und unter anderem „die ans Schnöselhafte grenzende Nonchalance des Absolventen französischer Elite-Schulen“ demonstrierte.

Wie gesagt, das Phänomen Littell gewinnt an Kenntlichkeit. Mit jedem seiner spärlichen Auftritte in der Öffentlichkeit mehr. Hatte er bei einer ersten Diskussion im Berliner Ensemble bereits versichert, wie sehr ihn die Massaker im auseinander brechenden Jugoslawien und in Tschetschenien, deren Zeuge er war, belehrt haben über das, was sich in Extremsituationen als menschenmöglich erweist, so ist bei einem weiteren Auftritt, Dienstag im Deutschen Historischen Museum zu Berlin, noch mehr zutage getreten. Littell, der sich in der Umrahmung durch gestandene Historiker sichtlich wohler fühlte als unlängst im Zwiegespräch mit dem Alt-68er Daniel Cohn-Bendit, referierte konzentriert und freimütig.
Deutlich wurde dabei zunächst einmal die Unbekümmertheit des Amerikaners, der Filme und Comics genauso sein Bild vom Nationalsozialismus hat bestimmen lassen wie die Erträge seriöser wissenschaftlicher Forschung, in der er auf so stupende Weise bewandert ist. Deutlich wurde zum zweiten die ans Schnöselhafte grenzende Nonchalance des Absolventen französischer Elite-Schulen, der sich dem profanum vulgus allein dadurch überlegen wähnt, dass er sich einfach methodisch für wahnsinnig versiert hält. Deutlich wurde schließlich drittens die generationsspezifische Fixierung auf theoretische Erklärungsmodelle, vor allem solche, die um die Sexualität zentriert sind.

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„Neid“ von Elfriede Jelinek

Hubert Spiegel hat sich mit dem Buch, das kein Buch ist, weil es nicht gedruckt, sondern allenfalls ausgedruckt wird, dem Roman, der kein Roman ist, sondern ein „Privatroman“ auseinandergesetzt und das gesamte Werk der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gelesen.

„Neid“, das ist eine Geschichte, die keine Geschichte erzählt, sondern Geschichte verhandelt: Privatgeschichte und Zeitgeschichte, Wassertropfen aus der alltäglichen Nachrichtenflut bis hin zu Amstetten und Natascha Kampuschs Schicksal.
Das Sterben der Städte, das Verschwinden der Arbeit, Frauenschicksale und Männerklischees, der Hass auf Österreich, die verkommene Touristenkulisse und perfekte Probebühne für die Tragödien und Farcen des Welttheaters, das sind in etwa die wichtigsten Themen dieses Projekts, das im vergangenen Jahr begonnen und vor kurzem abgeschlossen wurde, als die Autorin dem Wörtchen „Ende“ noch eine Nachbemerkung folgen ließ: „Unvollständige oder fehlerhafte Sätze bitte (jeder für sich selbst) ergänzen bzw. korrigieren.“

[ mehr dazu / oder über Fritzls und Amstetten ]

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Jean-Améry-Renaissance

Jan Süselbeck ist beim Lesen des „Materialien“-Abschlussbandes der Jean-Améry-Werkausgabe der Ignoranz begegnet, mit der Jean Améry zu kämpfen hatte:

„Auffallend dagegen ist die schrille Unangemessenheit so mancher Formulierung aus den Rezensionen über Amérys Werke aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, die im Buch ebenfalls dokumentiert sind. Bei ihrer Lektüre wird dem heutigen Leser klarer, in welcher ignoranten Zeit Améry Texte veröffentlichte, wie seinen autobiografischen Leidensbericht ‘Jenseits von Schuld und Sühne’ (1966), in dem er seine Folterung durch die SS vergegenwärtigt. Die deutsche Auseinandersetzung mit der Schoah hatte mit dem Auschwitz-Prozess von 1963 erst zaghaft eingesetzt und war deshalb noch lange nicht bei allen Literaturkritikern angekommen.So bemüht Horst Krüger 1966 in der Zeit die geschichtsklitternde Formel von der „Erniedrigung des Hitlerfaschismus“, durch die Améry gegangen sei. Als wäre der Nationalsozialismus allein durch Hitler zur Wirkung gekommen und als könne man ihn einfach mit dem italienischen Faschismus vergleichen, der den Antisemitismus der Deutschen gar nicht kannte.
Améry selbst weist einen solchen unhistorischen Vergleich bereits in dem Interview von 1978 ausdrücklich zurück.
Karl Korn erwähnt 1968 in der FAZ beiläufig, Améry sei „ein Mann mit einem schweren Lebensschicksal – er ist in Belgien 1944/45 durch Zufall der Liquidation entgangen“. Nicht nur, dass die Datierung falsch war: Die Folterung und die darauf folgende jahrelange Odyssee durch deutsche KZs und Vernichtungslager schrumpft in der unscheinbaren Bemerkung zu einem dubiosen Ereignis, das uninformierte Leser auch als Folge einer Verurteilung für ein hier verschwiegenes Vergehen auffassen konnten. Selbst wohlwollende Stimmen wie die von Alfred Andersch aus einem Essay von 1977 sagen oft mehr über ihre Verfasser aus als über Améry. Andersch kann auch in seiner Würdigung Amérys nicht anders, als den Gelobten als personifizierte Waffe zu imaginieren. Auch wenn er ahnt, wie unpassend der Adressat das finden könnte: „Glatt durchschlägt das Geschoss den Panzer der Systeme. Améry, der sich kaum im Bilde eines Panzerschützen wird erkennen wollen, hat dennoch etwas von David mit der Schleuder.“ Die Obsession, selbst Projektil zu werden, stammt von Ernst Jünger.“