Jonathan Littell dachte nicht an die Leichen

Littelll hat André Müller ein Interview gegeben. Littell, der mit seinem Roman „Die Wohlgesinnten“ berühmt geworden ist, sagt, er würde den Nobelpreis ablehnen (als ob er dafür in Frage käme) und er hasse Peter Handke leidenschaftlich.
Leider ist nur ein Teil des Interviews online geschaltet. Man könnte auch sagen, was freigeschaltet ist, genügt…

Jonathan Littell ist nur an Sex interessiert

Tilman Krause hat Jonathan Littell in Berlin gelauscht und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Littell interessiert sich nicht einmal am Rande für Geschichte, sondern lediglich für Sexfantasien in Nazikostümierung. Das aber wertet „Die Wohlgesinnten“ für Krause nicht eigentlich ab. Im Gegenteil…

Jonathan Littell erklärt die Nazis

Tilmann Krause hat mitverfolgt, wie Jonathan Littell in Berlin mit Historikern über seinen Roman „Die Wohlgesinnten“ diskutierte und unter anderem „die ans Schnöselhafte grenzende Nonchalance des Absolventen französischer Elite-Schulen“ demonstrierte.

Wie gesagt, das Phänomen Littell gewinnt an Kenntlichkeit. Mit jedem seiner spärlichen Auftritte in der Öffentlichkeit mehr. Hatte er bei einer ersten Diskussion im Berliner Ensemble bereits versichert, wie sehr ihn die Massaker im auseinander brechenden Jugoslawien und in Tschetschenien, deren Zeuge er war, belehrt haben über das, was sich in Extremsituationen als menschenmöglich erweist, so ist bei einem weiteren Auftritt, Dienstag im Deutschen Historischen Museum zu Berlin, noch mehr zutage getreten. Littell, der sich in der Umrahmung durch gestandene Historiker sichtlich wohler fühlte als unlängst im Zwiegespräch mit dem Alt-68er Daniel Cohn-Bendit, referierte konzentriert und freimütig.
Deutlich wurde dabei zunächst einmal die Unbekümmertheit des Amerikaners, der Filme und Comics genauso sein Bild vom Nationalsozialismus hat bestimmen lassen wie die Erträge seriöser wissenschaftlicher Forschung, in der er auf so stupende Weise bewandert ist. Deutlich wurde zum zweiten die ans Schnöselhafte grenzende Nonchalance des Absolventen französischer Elite-Schulen, der sich dem profanum vulgus allein dadurch überlegen wähnt, dass er sich einfach methodisch für wahnsinnig versiert hält. Deutlich wurde schließlich drittens die generationsspezifische Fixierung auf theoretische Erklärungsmodelle, vor allem solche, die um die Sexualität zentriert sind.

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„Die Grammatik der Toten“

Er scheint unberührt, fast kalt zu sein, Jonathan Littell, der Autor des Romans „Die Wohlgesinnten“ bei seinem ersten Auftritt in Berlin. Interviewt wurde er von Daniel Cohn-Bendit.

„Während Daniel Cohn-Bendit die erste Frage formuliert, greift Jonathan Littell auf der Bühne des Berliner Ensembles zum Feuerzeug, entzündet ein Zigarillo und hüllt sich in eine Rauchwolke. Aber den größten Teil des Abends wird er mit verschränkten Armen und übereinandergeschlagenen Beinen dasitzen. Wacher, ironischer Blick aus hellen Vogelaugen, markante Nase, schwarzer Anzug, offener weißer Hemdkragen, später kommen noch ein braunes Hütchen und ein schwarzer Ledermantel hinzu: ein bisschen der junge Beckett, ein bisschen der junge Belmondo. Das Feuerzeug wird er nachts in einem Club plötzlich vermissen. Er durchwühlt seine Taschen, will im Restaurant anrufen, in dem er vorher gegessen hatte, und muss feststellen, dass sein Handy keinen Empfang hat. In Jonathan Littells Gesicht zeichnet sich größte Besorgnis ab, Besorgnis an der Grenze zur Panik.“
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Erschienen heute: „Die Wohlgesinnten“

Im Vorfeld seiner Erscheinung in deutscher Sprache ist unheimlich viel über „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell geschrieben worden. Aber scheinbar noch nicht genug. Dirk Kniephals ist mit dem Lesen des Werks auch fertig geworden und hat seine Rezension zum Erscheinungsdatum des Romans gepostet. Er kommt zum Schluss

„Wenn man denn seine Erwartungshaltungen so weit abgesenkt hat, auch anliterarisiert weitergegebene historische Forschungen zu goutieren, bekommt man in der zweiten Hälfte des Buches einige Porträts von Nazigrößen und ihren Querelen untereinander geboten: Skizzen zu Albert Speer, Heinrich Himmler, Hans Frank, Adolf Eichmann und vielen Tätern mehr rollen vor einem ab (Adolf Hitler kommt nur einmal, in einem Fiebertraum verzerrt beschrieben vor). Über weite Strecken bietet das Buch viel Material über den Wirrwarr an Stimmen, Ambitionen und Führerwort-Interpretationen, der damals an den führenden Stellen des Regimes geherrscht haben muss. Gelegentlich steigert sich der Roman sogar zu einer Bürokratiegroteske und liefert auch noch interessante Einblicke, wie das Leben in Berlin im beginnenden Bombenkrieg ablief.
Das ist alles nicht schlecht und entschädigt für manches Krude. Das wirklich Seltsame aber ist: Mit seinen monströsen Seiten, der Gehirnmasse-und-Sperma-Prosa, kommt man leicht klar. Irritierend bleibt nach der Lektüre nur, dass man über diesen Max Aue gerne mehr erfahren hätte. Fast hat man den Eindruck, als habe sich Jonathan Littell mit seiner Monstrosität selbst zu sehr vor der Beschäftigung mit einem Nazi gewappnet.“

Ich werde das monumentale Werk nicht lesen. Sperma-Prosa kommt im Porno besser zum Zug…

Littells „Einschüchterungsprosa“

Sind das jetzt die weniger bedeutenden Kritiker, die da einen Tag vor Erscheinen von Jonathan Litttells Roman „Die Wohlgesinnten“ aus den Löchern kriechen – oder hat sich die erste Begeisterung für das Werk erschöpft und in Minne aufgelöst?
Eigentlich ist es vollkommen gleichgültig, doch es freut mich, dass auch Burkhard Scherer die Frage stellt, warum die Kritiken ein so bedeutungsschwangeres Raunen auslösen und zum Schluss kommt:

„Zwei Vermutungen drängen sich dazu auf: Texte mit vielen Leichen produzieren offensichtlich reflexhaft einen pietätvollen Umgang, als sei Kritik Störung der Totenruhe, und zweitens ist da der Aspekt der Einschüchterungsprosa, sensible Hochbildungspartikel hier und da, man könnte ja an einem vorbeigestolpert sein und damit die Zentralpointe verschlafen haben. Kristallisiert findet sich das zum Beispiel in einer der Frühstartrezensionen aus dem Bereich des deutschsprachigen Qualitätsfeuilletons: ‘Man traut sich nach einer ersten Lektüre nicht mit Sicherheit zu sagen, ob alles zuletzt nicht doch tiefer zusammenhängt.’ Nach einer zweiten Lektüre traut sich dieser Berichterstatter, mit Sicherheit – und mit Robert Gernhardt – zu sagen: ‘Mein Gott, ist das beziehungsreich! Ich glaub’, ich übergeb’ mich gleich.’“

Littells Müllhaufen

Georg Kleins Kritik an Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ hat Ina Hartwig Littell dazu gebracht, Littell mit den französischen poetes maudits. Langsam aber sicher wächst der Eindruck, diejenige Leser der „Wohlgesinnten“, die sich durch die über 1000 Seiten kämpfen, müssten pervers sein

„Nehmen wir de Sade und Bataille, in deren Werken das Morden selbst mit Wollust verknüpft ist. Die Lust wird, und das wäre ein Kriterium des ‘bösen Stils’, zum obersten Gesetz erhoben. Littells Held Max Aue ist aber selbst in Momenten des Triebdurchbruchs noch ganz er selbst. Kontrolliert, fast schon einen Tick selbstironisch fasst er zusammen: ‘Und so entschloss ich mich, den Arsch noch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten.’ Die Moral wird nicht in Amoral verkehrt, sondern das herrschende Strafrecht wird betrogen, ausgetrickst.“

Micha Brumlik, Leiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts, rümpft die Nase und geht noch liebloser um mit Littell:

„In diesem Sinn handelt es sich bei Littells ‘Roman’ literaturwissenschaftlich präzise um einen Müllhaufen aus Pornografie, seiner Thematik nicht entsprechenden Erzählstil, angelesener Zeitgeschichte und nicht zu Ende gedachten moralphilosophischen Bruchstücken.“

Nur ein mittelmässiges Werk

Ich bin beinah versucht, Iris Radisch dankbar zu sein, weil sie schreibt

Jonathan Littells Buch »Die Wohlgesinnten« will uns erklären, warum die Mörder mordeten, aber versinkt in widerwärtigem Kitsch

Den Grund für die Lobhudelei um Littell, ortet Radisch darin, dass der Romanautor versucht zu beschreiben, wie sich „Täterschaft von innen anfühlt“

Der detaillierte Bericht des nach Frankreich geflohenen SS-Mannes Dr. Max Aue über seine Jahrzehnte zurückliegenden Kriegserlebnisse füllt eine publizistische Lücke, die merkwürdigerweise noch niemandem aufgefallen war.
Diese Kühnheit hält die literarische Welt in Atem. Das Selbstporträt eines Mörders zu zeichnen, seine Kaltblütigkeit, seinen Amoralismus und seine Verwirrung in literarischer Stellvertreterschaft anzunehmen, ist ein Projekt von dostojewskijschem Format. Um es gleich zu sagen: Die ungewöhnliche Perspektive dieses ambitionierten Romans ist nicht das Problem. Sie ist im Gegenteil seine eminente Chance, dem Landser-Kitsch, dem Doku-Thriller und dem Edelporno zu entkommen, in die das Buch an vielen Stellen abzusinken droht.

Und schlussfolgert

Bleibt die allerletzte Frage: Warum sollen wir dieses Buch eines schlecht schreibenden, von sexuellen Perversionen gebeutelten, einer elitären Rasseideologie und einem antiken Schicksalsglauben ergebenen gebildeten Idioten um Himmels willen dennoch lesen? Ich muss gestehen: Pardon, chers amis français, aber auf diese Frage habe ich keine Antwort gefunden.

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„Die Wohlgesinnten“ – alle Medien bemühen sich

Jonathan Littels Roman „Die Wohlgesinnten“ muss zu einem Erfolg werden. Auch ARTE bemüht sich um ihn. avanti media hat für den Fernsehsender eine Dokumentation über Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ gedreht. In dem Film kommen In der Dokumentation kommen unter anderen auch Claude Lanzmann, Michel Friedman, der Verleger Antoine Gallimard zu Wort. Und der Schauspieler Christian Berkel liest aus der Fiktion Passagen, die von Oliver Hirschbiegel inszeniert worden sind. ARTE zeigt „Die Wohlgesinnten – Auf den Spuren eines literarischen Phänomens“ am Donnerstag, den 28.2. um 22:40 Uhr.
Wehe, wenn dieser Roman kein Erfolg im deutschsprachigen Raum wird….

„Nein“, denkt der Leser

Alles, wirklich alles in FAZ und FAS dreht sich um „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell.

Was ist das für ein Buch? Ein schreckliches Buch, ein Horrorbuch, grauenhaft, kitschig, brutal, pervers und obszön! Ein Buch über den Holocaust aus der Sicht eines Täters. Der SS-Obersturmbannführer Dr. iur. Maximilian Aue, schwul, Platonleser, leidenschaftlicher Verehrer von klassischer Bildung und Klaviermusik, in inzestuöser Radikalliebe seiner Zwillingsschwester verfallen, begleitet als beobachtender Täter die deutschen Truppen nach Osten und wieder zurück. Er ist bei den ersten Massenerschießungen in der Ukraine und im Kaukasus dabei, er ist eingeschlossen im Kessel von Stalingrad, er ist im Paris der Kollaborateure, immer wieder in Berlin, in den Lagern und Gaskammern von Auschwitz und am Ende in rasender Flucht auf dem Weg zurück nach Berlin, schließlich beim letzten Konzert der Philharmoniker in der Staatsoper, im Führerbunker, am Ende ganz allein am Zoo inmitten einer untergehenden Welt.

Hm, ich glaube, ich lese nur die Rezensionen – mehr nicht ;-)