Karl der Kühne

In einem Interview erläutert der Historiker André Holenstein, warum die Burgunderbeute und die Siege über Karl den Kühnen als Sündenfall in die kollektive Erinnerung eingegangen sind.
Die Berichte der Chronisten, die von „einfältigen Eidgenossen“, weil sie die köstlichsten Perlen und Edelsteine für ein Spottgeld verkauften, werden von Holenstein bestätigt.
So war es. Die Beute von Grandson war von einem Reichtum, wie ihn die Eidgenossen noch nie gesehen hatten: Kirchengeräte, Teppiche, Waffen, Edelsteine, Schmuck – was sollte man damit tun, wie sollte man diese Beute teilen? Auch deshalb wurde viel verkauft, weil sich Geld einfacher teilen liess. Schon von Anfang an wird die Burgunderbeute deshalb zu einem Symbol für die Gefahr der Verführung durch Luxus und Reichtum, für Sittenverderbnis und Korruption.
Thomas Widmer sieht in Karl dem Kühnen einen der edelsten Ritter Europas.

Herzog Karl der Kühne (1433—1477) wollte sein Burgund zur Grossmacht und sich selber zum König aufbauen. Die Feindschaft mit Frankreichs Herrscher bremste ihn. An den Hellebarden der Schweizer ging er zugrunde. Nun wird Karl in einer Ausstellung als EU-Pionier gefeiert.

„Hakenkreuz und Kaviar“

oder „Das mondäne Leben im Nationalsozialismus“ von Fabrice d’Almeida. Als mir der Titel ins Auge sprang, schoss mir der Gedanke, „schon wieder ein Buch, das Welt nicht braucht“ durch den Kopf. Fabrice d’Almeida folgt Autoren wie George Mosse und Emilio Gentile, die mit ihrer These vom Faschismus als „politischer Religion“ die Forschung beeinflussen. Er zementiert die These der Verführung aus und macht eine kleine Gruppe an der Spitze der damaligen „Gesellschaft“ aus, die sich zur Unterstützung eines verbrecherisches System hat locken lassen.
Er beschreibt, die Nazis, der sich die Umgangsformen der „Elite“ zunutze machten bis sich aus der „Elite“ und den Nazi-Bonzen ein Jetset des Dritten Reiches formierte.
D’Almeida greift auf die veröffentlichten Memoiren der Kammerdiener und Sekretärinnen Hitlers zurück und vermixt diese mit dem, was er den Archiven zu entnehmen in der Lage ist, analysiert eine Namensliste, die Fritz Reinhardt im Juni 1938 auf Goebbels Wunsch zusammengestellt hat.
Die Liste enthält Namen wie z.B. Hans Albers, Käthe Dorsch, Gustav Gründgens und Heinrich George, aber auch Wilhelm Furtwängler. Sie, die Künstler, die hohen Militärs und die Aristokratie sollen außerordentliche Steuerprivilegien vom Deutschen Staat erhalten haben, wurden zu rauschenden Festen eingeladen, mit wertvollen Geschenken überhäuft, ließen sich korrumpieren und akzeptierten wissentlich den Holocaust.
Grundsätzlich neue Erklärungen zur Entstehung und Etablierung des Nationalsozialismus bringt d’Almeida, obwohl er es im Vorwort ankündigt nicht.
Mein Eindruck hat mich nicht getäuscht; „Hackenkreuz und Kaviar“ ist ein Buch, das die Welt nicht braucht.

Wahlkampf 1919 – härter als 2007

Die Medien versuchen uns weiszumachen, 2007 finde der „härteste“, „niederträchtigste“, „gemeinste“ etc. Wahlkampf aller Zeiten statt. Doch das ist hanebüchener Unsinn:
1919 wurde der Nationalrat erstmals nach dem Proporzverfahren gewählt, was eine stark veränderte parteipolitische Zusammensetzung des Parlamentes nach sich zog. Wahltag war der Sonntag, 26. Oktober 1919. Der eigentliche Wahlkampf beschränkte sich in etwa auf die beiden letzten Wochen vor dem Wahltag. Wer glaubt, so etwas wie den Wahlkampf 2007 habe es noch nie gegeben, sollte einmal einen Blick in die Presse, zum Beispiel ins Zofinger Tagblatt des Jahres 1919, werfen …
Kurt Blum hat das getan und und schreibt:

    Den Nationalratswahlen von 1919 (1918 fand der Generalstreik statt) kam vorab wegen zwei grundsätzlichen Punkten eine entscheidende Bedeutung zu: Zum ersten Mal wurde das eidgenössische Parlament nach dem Proporzsystem erkoren und erstmals bildete jeder Kanton einen einzigen Wahlkreis (vorher galt das Majorzvefahren und die Kantone konnten in selbstständige Wahlkreise aufgeteilt werden). Für die FDP des Bezirks Zofingen war aber ein weiterer Punkt auch noch von grosser Tragweite (ZT vom 15. Oktober 1919): <i>«Für alle freisinnig Denkenden gilt es vor allem mitzuhelfen, die Position des Bürgertums zu festigen und entschlossen Front zu machen gegen den Umsturz, auf den nach wie vor der Kompass der sozialdemokratischen Führerschaft eingestellt ist.» </i>Diese titulierte man als «bolschewistische Katastrophenpolitiker».
    «Das Fieber der Wahlpolemik bei den Sozialdemokraten ist so hoch gestiegen, dass ihre Presse bereits unter Wahnvorstellungen leidet; ZT vom 17. Oktober 1919.» – «‹Die Reaktion erhebt ihr Haupt!› ist das neueste Schlagwort der sozialdemokratischen Blätter geworden und bürgerlich links stehende Blätter stimmen in den Chor ein. Wer den roten Forderungen sich nicht mit Haut und Haar verschreibt, wer überspannten Forderungen entgegen tritt, wer den Achtstunden-Tag nicht in den höchsten Tönen als höchste Errungenschaft der Menschheit lobpreist, wer dafür hält, dass auch der Staat die Grundsätze eines gesunden Haushaltes nicht ausser Augen lassen dürfe, und wer endlich daran glaubt, dass von den Gütern dieser Welt nicht mehr verteilt werden kann, als erarbeitet worden: der ist ein Reaktionär. Und dieser Bannfluch trifft jeden, der dieser seiner Überzeugung Wort verleiht; ZT vom 20. Oktober 1919.» Es sei übrigens merkwürdig, dass das Wort «Reaktion» auf politischem Gebiet so sehr zur abschreckenden Vogelscheuche habe werden können. Werde eine Reaktion doch auf einem andern Gebiet als willkommenes Zeichen der Besserung begrüsst. Auch die Ärzte würden bekanntlich von Reaktion sprechen.
    «Von Hunger, Nacktheit, Obdachlosigkeit faselt das sozialistische Wahlflugblatt, das gegenwärtig in Massen im Lande herum verbreitet wird. Wo sind die Hungernden? Wo die Nackten und wo die Obdachlosen? Gewiss nicht in der Schweiz. Man findet sie in Massen nur dort, wo der Sozialismus, der Bolschewismus, der Kommunismus zum Regiment gekommen sind und als herrlichste Errungenschaft der neuesten Zeiten das Erlöschen jeglicher Kultur, das Erstarren alles menschlichen Fühlens, den blutigen Terror, Massenraub, die Schändung aller guten Triebe hervorbrachten; ZT vom 21. Oktober 1919.»
    «Der sozialistische ‹Freie Aargauer› schimpft die vaterländisch gesinnten Arbeiter, die Grütlianer, in gemeiner Art Verräter. Es kommt dieser Herzenserguss einer Scharfmacherkreatur zur rechten Zeit. Mit dem Stimmzettel werden alle vaterländisch gesinnten Arbeiter diese Schmähung quittieren. Vaterländisch gesinnte Arbeiter, Grütlianer, keiner lege die sozialistische Liste ein, die sich von einem Putschisten anführen lässt; ZT vom 22. Oktober 1919.»
    <i>«Bauer heraus! Wie sind in der roten Presse die Bauern verunglimpft, verlästert, wie ist das übrige Volk gegen sie aufgehetzt worden, immer und immer, seit langen, langen Jahren! – Am Sonntag soll Abrechnung gehalten werden! Fort, nieder mit denen, die dem Bauer, dem ältesten und geplagtesten Arbeiter, den gerechten Lohn nicht gönnen mögen! ZT vom 23. Oktober 1919.»</i>
    Die SP kam auf 168 299 Stimmen, die FDP auf 151 564, die KK (CVP) auf 148 262, die Bauern (SVP) auf 119 283 und die Grütlianer auf 16 860. Die 12 Aargauer Sitze wurden wie folgt verteilt: SP 3, FDP 3, CVP (KK) 3 und SVP (Bauern) 3.
    Der Wahlkampf ging auch nach dem Wahlsonntag noch etwas weiter. So ist im ZT vom 31. Oktober 1919 zu lesen: «Der Oberpolterer am Aarauer Sozialistenblatt, dem ‹Freien Aargauer›, speit Wut und Galle gegen unsere Wahlbetrachtungen …»

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