So kann es einem Buch ergehen: Verkauf der Gesamtauflage, Klagen von Leuten, die sich im Buch wiederzuerkennen glauben, Juristenfutter und Richterbeschäftiger – und schließlich findet es seinen Weg ins Netz.
„Havemann“ ist gegenwärtig nicht lieferbar. Die erste Auflage wurde weitgehend verkauft, dann musste der Suhrkamp Verlag, nachdem juristische Schritte angedroht worden waren, das indiskrete Werk zurückziehen. Aber dieses Buch wird seinen Weg machen, so oder so. Denn es enthält ein derart dichtes Porträt deutscher Zustände, von der NS-Zeit über die DDR bis heute, von nahem gesehen, im Mikrokosmos einer Familie, einer Freundes- und Kunstwelt, dass es mit einer inneren Notwendigkeit auftreten kann.
Die Kritik hatte sich zunächst auf die skandalisierbaren Passagen geworfen, auf das ungünstige Bild, das Florian Havemann von Wolf Biermann zeichnet (aber nicht von diesem kamen die juristischen Schritte), und auf den vermeintlichen Vatermord, also die krass-realistische, eben auch Schattenpartien verdeutlichende Schilderung der Welt des Vaters, des gefeierten DDR-Oppositionellen Robert Havemann.
Und tatsächlich schreibt Florian Havemann manchmal wie ein Berserker, aber eben auch mit großer Geduld, in die komplizierten Einzelheiten gehend, immer wieder von einer andern Seite her die Menschen betrachtend. Und welche Menschen: den Dichter Erich Fried, den Dramatiker Thomas Brasch, den Revolutionär Rudi Dutschke. Niemals mit einem sterilen Hass, aber eben auch nie mit der interessierten Legende paktierend, die sich um diese Menschen gewoben hat.