Hans Zengeler: Gestorben wird später

Er ist endlich da, der neue Roman von Hans Zengeler mit dem Titel „Gestorben wird später“. Eine heitere, unterhaltsame Geschichte mitreißend erzählt. Ich hatte das Vergnügen, den Roman in der Rohfassung zu lesen – und war begeistert.

„Es war klar, dass es auf eine Katastrophe hinauslief. Musste es ja. Josef Bloch konnte sich nicht vorstellen, warum ausgerechnet er von den Schicksalsschlägen, die andere in den vergangenen Monaten reichlich getroffen hatten, verschont bleiben sollte. Es war Sonntag. Ihm blieben noch zwei Tage. Gleich nach dem Frühstück stieg Josef in das Zimmer unter dem Dach, um dort seinen letzten Willen zu Papier zu bringen …“
So beginnt der Roman um Josef Bloch, einen Endfünfziger, der glaubt, das Alter sei noch kein Thema für ihn. Warum auch, wo er doch bisher immer die Erfahrung gemacht hat, für viel jünger gehalten zu werden. Außerdem wirkt auch in ihm das bekannte Phänomen, dass immer nur die anderen älter werden, während man selbst glaubt, mit ewiger Jugend gesegnet zu sein. Das ändert sich für Josef schlagartig, als ihm plötzlich, ohne Vorwarnung, zwei seiner besten Freunde wegsterben, was ihn zu der Erkenntnis zwingt, dass er sich bereits mitten im Zielgebiet aufhält …
Ein durchaus heiterer Roman über das Leben und Sterben, über die Liebe und das leider unaufhaltsame Altern? Könnte sein. Manchmal allerdings zum Davonlaufen tragisch. Vor allem, wenn es einem selbst an den Kragen geht.

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Karl der Kühne

In einem Interview erläutert der Historiker André Holenstein, warum die Burgunderbeute und die Siege über Karl den Kühnen als Sündenfall in die kollektive Erinnerung eingegangen sind.
Die Berichte der Chronisten, die von „einfältigen Eidgenossen“, weil sie die köstlichsten Perlen und Edelsteine für ein Spottgeld verkauften, werden von Holenstein bestätigt.
So war es. Die Beute von Grandson war von einem Reichtum, wie ihn die Eidgenossen noch nie gesehen hatten: Kirchengeräte, Teppiche, Waffen, Edelsteine, Schmuck – was sollte man damit tun, wie sollte man diese Beute teilen? Auch deshalb wurde viel verkauft, weil sich Geld einfacher teilen liess. Schon von Anfang an wird die Burgunderbeute deshalb zu einem Symbol für die Gefahr der Verführung durch Luxus und Reichtum, für Sittenverderbnis und Korruption.
Thomas Widmer sieht in Karl dem Kühnen einen der edelsten Ritter Europas.

Herzog Karl der Kühne (1433—1477) wollte sein Burgund zur Grossmacht und sich selber zum König aufbauen. Die Feindschaft mit Frankreichs Herrscher bremste ihn. An den Hellebarden der Schweizer ging er zugrunde. Nun wird Karl in einer Ausstellung als EU-Pionier gefeiert.

„Hakenkreuz und Kaviar“

oder „Das mondäne Leben im Nationalsozialismus“ von Fabrice d’Almeida. Als mir der Titel ins Auge sprang, schoss mir der Gedanke, „schon wieder ein Buch, das Welt nicht braucht“ durch den Kopf. Fabrice d’Almeida folgt Autoren wie George Mosse und Emilio Gentile, die mit ihrer These vom Faschismus als „politischer Religion“ die Forschung beeinflussen. Er zementiert die These der Verführung aus und macht eine kleine Gruppe an der Spitze der damaligen „Gesellschaft“ aus, die sich zur Unterstützung eines verbrecherisches System hat locken lassen.
Er beschreibt, die Nazis, der sich die Umgangsformen der „Elite“ zunutze machten bis sich aus der „Elite“ und den Nazi-Bonzen ein Jetset des Dritten Reiches formierte.
D’Almeida greift auf die veröffentlichten Memoiren der Kammerdiener und Sekretärinnen Hitlers zurück und vermixt diese mit dem, was er den Archiven zu entnehmen in der Lage ist, analysiert eine Namensliste, die Fritz Reinhardt im Juni 1938 auf Goebbels Wunsch zusammengestellt hat.
Die Liste enthält Namen wie z.B. Hans Albers, Käthe Dorsch, Gustav Gründgens und Heinrich George, aber auch Wilhelm Furtwängler. Sie, die Künstler, die hohen Militärs und die Aristokratie sollen außerordentliche Steuerprivilegien vom Deutschen Staat erhalten haben, wurden zu rauschenden Festen eingeladen, mit wertvollen Geschenken überhäuft, ließen sich korrumpieren und akzeptierten wissentlich den Holocaust.
Grundsätzlich neue Erklärungen zur Entstehung und Etablierung des Nationalsozialismus bringt d’Almeida, obwohl er es im Vorwort ankündigt nicht.
Mein Eindruck hat mich nicht getäuscht; „Hackenkreuz und Kaviar“ ist ein Buch, das die Welt nicht braucht.

„Angst. Antisemitismus in Polen“

Dass diese Buchbesprechung ausgerechnet heute publiziert wird, kommt nicht von Ungefähr. Heute ist Holocaust-Gedenktag. Mit seinem Buch deckt Jan T. Gross einen der grössten Skandale Polens nach dem Krieg auf. In Polen wurden nach Kriegsende 1500 Juden getötet.

„Der Täter erzählt ungerührt, als habe er ein Stück Vieh zerlegt. »Ich habe einen Juden drei Mal mit dem Stein auf die Brust, das rechte Bein und den Kopf getroffen, dann ging ich weg. Ich möchte betonen, dass das Blut von dem Juden auf meine Kleidung spritzte. Als ich mir die Hose gesäubert hatte, sah ich, dass sie einen anderen Juden an den Beinen und Händen rausschleppten wie ein Kalb. (…) Sie schlugen den Juden erst mit Stöcken, dann mit Eisenrohren. Am Anfang rührte sich der Jude etwas und schrie, aber sie schlugen ihn auf den Mund, und er hörte auf zu schreien. Der erste Jude, den ich getötet habe, schrie bei mir nicht.« An diesem Tag starben 36 Juden in der südöstlichen polnischen Stadt Kielce. Das Grauen ereignete sich in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, man schrieb den 4. Juli 1946. Die Juden wurden nicht von Deutschen gelyncht. Sie starben durch die Hand von Polen.
Die Passage stammt aus Polens neuem Beststeller, dem Buch »Angst« (»Angst. Antisemitismus in Polen nach dem Krieg. Geschichte eines moralischen Niedergangs«, Krakau 2008) des polnischen Historikers und Soziologen Jan Tomasz Gross, der seit den sechziger Jahren in den USA lebt und dort in Princeton Geschichte doziert. Die ersten 25000 Exemplare waren binnen einer Woche verkauft. Und die Reaktionen auf das Buch stehen dem Verkaufserfolg in nichts nach. Als »Polen- und Judenhasser« hat man den 61-Jährigen bezeichnet, als Nestbeschmutzer diffamiert. Denn mit den Anschuldigungen, die Gross gegen die Polen erhebt, trifft er ihren empfindlichsten Punkt: Er rüttelt an dem über Jahrhunderte gepflegten Opfermythos, er zerstört das Bild von den Polen als edlen Widerstandskämpfern. Und er nimmt die polnische Gesellschaft kollektiv in die Verantwortung für das, was mit den polnischen Juden nach dem 8. Mai 1945 geschah. Die antisemitischen Exzesse seien keine Erscheinung am Rande der polnischen Gesellschaft gewesen, behauptet Gross. Sie fanden offen statt.“


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