Jonathan Littell erklärt jeden zum Nazi

Nicht nur im Reading Room wird über Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ nachgedacht. Tilman Krause hat das Buch gelesen und kommt zum Schluss

Es ist ein aufwühlendes emotionales Abenteuer, in das uns Jonathan Littell schickt, ein Abenteuer, dessen menschliche Elementargewalt weit über den historischen Rahmen hinausreicht, in den Littell es gestellt hat. Dass er darüber hinaus unserem Bild vom faschistischen Charakter neue, über Theweleits „Männerphantasien“ hinausgehende Züge gibt, macht sein Buch, das allerdings in seinen Längen und Detailobsessionen Schwächen des Erstlings zeigt, anregend und interessant.

Was nicht viel aussagt.

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Turin, Stätte der neuen Barbarei

In Italien tritt derzeit der Variantenreichtum des Antisemitismus, des Judenhasses zutage. Linksfaschisten und Neonazis spannen mit Tareq Ramadan und arabischen Schriftstellern zusammen…

Leider hat sich das politische und kulturelle Klima in Italien schon seit langem verschlechtert. Für diejenigen, die im Ausland leben, ist das kaum vorstellbar. In Italien war all das, was die Kontroverse um die Buchmesse in Turin und um den „Boykott Israels“ dort begleitet hat – nachdem Israel aus Anlass der Staatsgründung vor sechzig Jahren eingeladen worden war –, ein deutliches Zeichen. Ein prominenter Philosoph unterstützt offiziell diesen Boykott. Der neue Antisemitismus kommt von weit her, aber er ist eben neu. Er ernährt sich vom Nahostkonflikt und zieht Gewinn aus der Tragödie zweier Völker. Wer den Boykott gegen Israel unterstützt, muss sich der Wirkungen bewusst sein, die das hat, und sie verantworten.

Der Hass, der einst gegen die Juden gerichtet war, wendet sich heute gegen den Staat Israel, der zum Pariastaat, zum Symbol für alles Böse in der Welt geworden ist. Am Remembrance Day als Opfer erinnert, werden die Juden an dem nächsten Tag zu israelischen „Vollstreckern“ gemacht. Die Anklagen gegen die jüdischen Professoren auf der Neonazi-Website sind sehr eloquent.

Die jüngsten Stellungnahmen der katholischen Kirche, die in keiner Weise den Gedanken und Gefühlen der Katholiken entsprechen, und vor allem die letzten Erklärungen von Papst Benedikt XVI. und seine reaktionären Initiativen (etwa die zur Wiedereinführung des Karfreitagsgebets für die Bekehrung der Juden) fördern den Dialog überhaupt nicht. Im Gegenteil haben sie dazu beigetragen – und tragen sie dazu bei –, ein Klima nutzloser, schädlicher Feindseligkeit und Gegensätzlichkeit zu erzeugen.

Donatella de Cesare beschreibt ihre Erfahrungen, auch als eine Dozentin, deren Name auf der schwarzen Liste, welche von den Neonazis ins Netz gestellt worden ist, auftaucht.

„Hakenkreuz und Kaviar“

oder „Das mondäne Leben im Nationalsozialismus“ von Fabrice d’Almeida. Als mir der Titel ins Auge sprang, schoss mir der Gedanke, „schon wieder ein Buch, das Welt nicht braucht“ durch den Kopf. Fabrice d’Almeida folgt Autoren wie George Mosse und Emilio Gentile, die mit ihrer These vom Faschismus als „politischer Religion“ die Forschung beeinflussen. Er zementiert die These der Verführung aus und macht eine kleine Gruppe an der Spitze der damaligen „Gesellschaft“ aus, die sich zur Unterstützung eines verbrecherisches System hat locken lassen.
Er beschreibt, die Nazis, der sich die Umgangsformen der „Elite“ zunutze machten bis sich aus der „Elite“ und den Nazi-Bonzen ein Jetset des Dritten Reiches formierte.
D’Almeida greift auf die veröffentlichten Memoiren der Kammerdiener und Sekretärinnen Hitlers zurück und vermixt diese mit dem, was er den Archiven zu entnehmen in der Lage ist, analysiert eine Namensliste, die Fritz Reinhardt im Juni 1938 auf Goebbels Wunsch zusammengestellt hat.
Die Liste enthält Namen wie z.B. Hans Albers, Käthe Dorsch, Gustav Gründgens und Heinrich George, aber auch Wilhelm Furtwängler. Sie, die Künstler, die hohen Militärs und die Aristokratie sollen außerordentliche Steuerprivilegien vom Deutschen Staat erhalten haben, wurden zu rauschenden Festen eingeladen, mit wertvollen Geschenken überhäuft, ließen sich korrumpieren und akzeptierten wissentlich den Holocaust.
Grundsätzlich neue Erklärungen zur Entstehung und Etablierung des Nationalsozialismus bringt d’Almeida, obwohl er es im Vorwort ankündigt nicht.
Mein Eindruck hat mich nicht getäuscht; „Hackenkreuz und Kaviar“ ist ein Buch, das die Welt nicht braucht.

Siegfried Unseld und Peter Weiss – Briefwechsel

Der Briefwechsel dokumentirt das Zusammenwirken von Autor und Verleger und verweist gleichzeitig auf die literarische Entwicklung der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Da ist einmal Peter Weiss, der 1916 geborene Emigrant, der in Schweden wohnte und sein erstes Buch in deutscher Sprache 1960 veröffentlichte. Weiss begann als experimenteller Erzähler und Dramatiker, schuf später eine eigene Form des politisch engagierten Theaters und vollendete kurz vor seinem Tod 1982 Roman-Essay über die Kämpfe gegen die Epoche des Faschismus. Und dort ist der Verleger Siegfried Unseld, der verantwortlich für den Suhrkamp Verlag war und der alles daran setzte Werke experimentierender Autoren zu veröffentlichen und auf den Markt zu bringen und dafür zu sorgen, dass sich Leser für sie fanden.

Am Ende dieser literarischen Partnerschaft blieb nur Verbitterung. Die letzten Briefe, die zwischen den beiden so ungleichen Männern hin und her gingen, dokumentieren eine tiefe Enttäuschung. Nach zwanzig Jahren einer fragilen, immer wieder von Argwohn verdunkelten Freundschaft mussten Peter Weiss und Siegfried Unseld erkennen, dass die gegenseitige Entfremdung nicht mehr aufzuhalten war. Zu gross war der Gegensatz zwischen dem selbstquälerisch-vergrübelten, in seine Selbstbeobachtungsmanien verstrickten Schriftsteller und Maler aus Stockholm und dem stets enthusiastischen, die literarische Welt mit seiner Dynamik bestürmenden Verleger aus Frankfurt.

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