Der Publizist Sergey Lagodinsky ist der Meinung, dass man die Diskriminierung von Juden und Türken in Deutschland durchaus vergleichen könne.
„Auch die Minderheiten Europas fühlen sich gerne wie Juden. Während die „Mehrheitsdeutschen“ damit beschäftigt sind, mit der Last der Vergangenheit fertigzuwerden, bedeutet für die Minderheiten in Europa jeder Vergleich mit Juden eine Auseinandersetzung mit der Last der Gegenwart. Durch solche Vergleiche reihen sie sich in die Opferkontinuität der europäischen Verfolgungsgeschichte ein, für die das europäisch-jüdische Schicksal paradigmatisch bleibt und dessen mörderische Zuspitzung der Holocaust bildet. Dies ist gewissermaßen ihre Art, sich in die Mehrheitskultur und -geschichte zu integrieren.
Der Leiter des Zentrums für Türkeistudien, Faruk Sen, wagte eine solche Anknüpfung, als er in einer türkischen Zeitung die heutige Diskriminierung von Türken in Europa mit der von Juden im Europa von einst verglich – freilich nicht, ohne dabei auf die Unterschiede in „Ausmaß“ und „Erscheinungsformen“ zu verweisen.(…)
Von jüdischer Warte aus betrachtet, erscheinen Vergleiche zwischen einzelnen Episoden der europäisch-jüdischen Geschichte und dem Umgang mit den heutigen Minderheiten in Europa meist als ein heikles, aber keineswegs skandalöses Unterfangen. Die Singularität des Holocaust steht außer Frage. Doch niemand beharrt auf der Singularität von jüdischen Diskriminierungserfahrungen, davor und danach.(…)
Kürzlich veranstaltete die Universität Tel Aviv eine Konferenz, bei der sich deutsche und israelische Forscher über genau diese Fragen austauschten. Die Thesen einiger (zumeist israelischer) Forscher, welche die Ressentiments gegen die Juden im 19. Jahrhundert mit denen gegen türkischstämmige Einwanderer im heutigen Europa verglichen, konnte man durchaus als zu weitgehend empfinden. Keiner indes empfand sie als ‘inakzeptabel’. Wenn man einen umstrittenen, aber zweifellos verdienten Forscher wie Faruk Sen wegen eines Vergleichs zwischen der Diskriminierungsgeschichte von Juden und dem Diskriminierungsalltag von türkischen Europäern entlässt, tabuisiert man eine wichtige Debatte.“


