Jonathan Littell dachte nicht an die Leichen

Littelll hat André Müller ein Interview gegeben. Littell, der mit seinem Roman „Die Wohlgesinnten“ berühmt geworden ist, sagt, er würde den Nobelpreis ablehnen (als ob er dafür in Frage käme) und er hasse Peter Handke leidenschaftlich.
Leider ist nur ein Teil des Interviews online geschaltet. Man könnte auch sagen, was freigeschaltet ist, genügt…

Jonathan Littell ist nur an Sex interessiert

Tilman Krause hat Jonathan Littell in Berlin gelauscht und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Littell interessiert sich nicht einmal am Rande für Geschichte, sondern lediglich für Sexfantasien in Nazikostümierung. Das aber wertet „Die Wohlgesinnten“ für Krause nicht eigentlich ab. Im Gegenteil…

„Die Grammatik der Toten“

Er scheint unberührt, fast kalt zu sein, Jonathan Littell, der Autor des Romans „Die Wohlgesinnten“ bei seinem ersten Auftritt in Berlin. Interviewt wurde er von Daniel Cohn-Bendit.

„Während Daniel Cohn-Bendit die erste Frage formuliert, greift Jonathan Littell auf der Bühne des Berliner Ensembles zum Feuerzeug, entzündet ein Zigarillo und hüllt sich in eine Rauchwolke. Aber den größten Teil des Abends wird er mit verschränkten Armen und übereinandergeschlagenen Beinen dasitzen. Wacher, ironischer Blick aus hellen Vogelaugen, markante Nase, schwarzer Anzug, offener weißer Hemdkragen, später kommen noch ein braunes Hütchen und ein schwarzer Ledermantel hinzu: ein bisschen der junge Beckett, ein bisschen der junge Belmondo. Das Feuerzeug wird er nachts in einem Club plötzlich vermissen. Er durchwühlt seine Taschen, will im Restaurant anrufen, in dem er vorher gegessen hatte, und muss feststellen, dass sein Handy keinen Empfang hat. In Jonathan Littells Gesicht zeichnet sich größte Besorgnis ab, Besorgnis an der Grenze zur Panik.“
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Littell verklärt den Holocaust

Langsam, aber sicher kriechen sie aus den Löchern, die Kritiker der „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell. Zu ihnen gehört auch Christoph Jahr. Er schreibt

Wohl noch nie wurde ein «historischer» Roman in Deutschland bereits im Voraus mit derart grosser Medienbegleitung bedacht wie Jonathan Littells 1400-Seiten-Epos «Die Wohlgesinnten». Das liegt, so darf man sagen, ohne ihm zu nahe zu treten, nicht am Autor, sondern allein an seinem Stoff. Schon in Frankreich hat Littell Aufsehen erregt, heftige Kritik geerntet, aber auch Lob und Anerkennung. Nun sind «Les Bienveillantes» auf Deutsch erschienen und sorgen auch im «Land der Täter» für aufgeregte Diskussionen. Das ist offensichtlich so gewollt; dass es sich lohnt, darf bezweifelt werden.

Endlich einer, der in der Lage ist, den Inhalt der endlos langen Geschichte auf einige Sätze schrumpfen zu lassen:

Der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, Obersturmbannführer Max Aue, tritt, noch nicht einmal 25 Jahre alt, 1937 in den «Sicherheitsdienst» der SS ein. Dort macht er zunächst nur sehr zögerlich Karriere. Erst der deutsche Überfall auf die Sowjetunion eröffnet ihm die Möglichkeit, als Mitglied des «Sonderkommandos 4a» seine nationalsozialistische Ideologie mit mörderischer Radikalität in die Tat umzusetzen. Mit dem Überqueren des Grenzflusses Bug im Gefolge der Wehrmacht Ende Juni 1941 beginnt, von zahlreichen Rückblenden unterbrochen, der eigentliche Erzählstrang des Romans, der, bisweilen dicht am Landser-Kitsch entlangschrammend, bis in die letzten Kriegstage führt.

Und kommt zum Schluss

Littell nimmt nun nicht nur die Perspektive eines Täters ein, er fordert seine Leser auch zur Identifikation mit ihm auf. Zugleich anthropologisiert er die Schuldfrage, indem er Aue verkünden lässt, dass jeder andere an seiner Stelle mit grosser Wahrscheinlichkeit genau das getan hätte, was er getan hat. Indem Littell seinem Roman die Züge einer antiken Tragödie verleiht, wird alles Geschehen und Handeln zum unbeeinflussbaren Schicksal: Jeden hätte es treffen können, gleich ob als Täter, Opfer oder Zuschauer. Alles ist zufällig und beliebig, nicht beschreibbar in den Kategorien von Schuld und Verantwortung. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust erscheinen als ein Drama der Weltgeschichte wie viele davor und viele danach. Im deutschen – und europäischen – Erinnerungskontext ist das ein grosser Schritt rückwärts. Daher bleibt zu hoffen, dass Littells überladener Roman keine Bedeutung für die kollektive Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Holocaust erlangt.

Littells Müllhaufen

Georg Kleins Kritik an Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ hat Ina Hartwig Littell dazu gebracht, Littell mit den französischen poetes maudits. Langsam aber sicher wächst der Eindruck, diejenige Leser der „Wohlgesinnten“, die sich durch die über 1000 Seiten kämpfen, müssten pervers sein

„Nehmen wir de Sade und Bataille, in deren Werken das Morden selbst mit Wollust verknüpft ist. Die Lust wird, und das wäre ein Kriterium des ‘bösen Stils’, zum obersten Gesetz erhoben. Littells Held Max Aue ist aber selbst in Momenten des Triebdurchbruchs noch ganz er selbst. Kontrolliert, fast schon einen Tick selbstironisch fasst er zusammen: ‘Und so entschloss ich mich, den Arsch noch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten.’ Die Moral wird nicht in Amoral verkehrt, sondern das herrschende Strafrecht wird betrogen, ausgetrickst.“

Micha Brumlik, Leiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts, rümpft die Nase und geht noch liebloser um mit Littell:

„In diesem Sinn handelt es sich bei Littells ‘Roman’ literaturwissenschaftlich präzise um einen Müllhaufen aus Pornografie, seiner Thematik nicht entsprechenden Erzählstil, angelesener Zeitgeschichte und nicht zu Ende gedachten moralphilosophischen Bruchstücken.“

„Die Wohlgesinnten“ – alle Medien bemühen sich

Jonathan Littels Roman „Die Wohlgesinnten“ muss zu einem Erfolg werden. Auch ARTE bemüht sich um ihn. avanti media hat für den Fernsehsender eine Dokumentation über Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ gedreht. In dem Film kommen In der Dokumentation kommen unter anderen auch Claude Lanzmann, Michel Friedman, der Verleger Antoine Gallimard zu Wort. Und der Schauspieler Christian Berkel liest aus der Fiktion Passagen, die von Oliver Hirschbiegel inszeniert worden sind. ARTE zeigt „Die Wohlgesinnten – Auf den Spuren eines literarischen Phänomens“ am Donnerstag, den 28.2. um 22:40 Uhr.
Wehe, wenn dieser Roman kein Erfolg im deutschsprachigen Raum wird….