Hugo Loetscher ist tot

Er starb heute, kurz vor seinem 80. Geburtstag an den Folgen einer Operation. Morgen werden die Feuilletonisten ihm nachrufen. Am kommenden Freitag erscheint sein neues Buch «War meine Zeit meine Zeit»: die intellektuelle Bilanz Hugo Loetschers, in der er die Themen seines Lebens und seines Werks zu einer weltumspannenden Autogeographie entfaltet. Die Summa eines grossen literarischen Werks und eines unerschöpflich neugierigen Geistes, wie der Verlag schreibt.

David Foster Wallace „Infinite Jest“

In einer Woche erscheint der 1547 umfassende Roman von David Foster Wallace „Infinite Jest“ in deutscher Übersetzung. Aus diesem Anlass porträtiert Wieland Freund den amerikanischen Schriftsteller, der sich vor einem Jahr erhängte, und beschreibt die Reaktionen von Schriftstellern und Kritikern auf das Erscheinen des Romans 1996.

„Mit seinem Freund Jonathan Franzen, dem Autor der ‘Korrekturen’, der dem Gefühl, ausgerechnet am traurigen Ende der Gutenberg-Galaxis Schriftsteller zu sein, in einem berühmten Essay Ausdruck verlieh, kam Wallace überein, dass alles Schreiben ein Schreiben gegen die Einsamkeit sei, die die noch verbliebenen Autoren und Leser in einer fremden Welt empfänden. Zwar drehte sich das Literatur-Karussell weiter, der weiße Elefant des eigenen Buchs jedoch drehte jeweils nur noch eine einzige Runde, bevor er auf Nimmerwiedersehen im medialen Orkus verschwand. An die Stelle eines Kanons der Meisterwerke war bestenfalls die Lieblingsliste des Online-Kaufhauses Amazon getreten.“

David Grossman: „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“

Der israelische Schriftsteller David Grossman schrieb ein Epos über sein Land. Er schritt es ab, erzählte – und hoffte, seinen Sohn Uri, den Soldaten im Krieg, zu beschützen. Letzteres ist ihm misslungen, dafür hat er Weltliteratur geschreiben, schreibt Julia Encke.

Kann ein Buch ein Leben retten? David Grossman hat es gehofft. „Ich hatte damals das Gefühl – oder genauer gesagt, die Hoffnung –, dass das Buch, das ich schreibe, Uri schützen wird“, heißt es im Nachwort seines Romans, der von Beginn an anders sein sollte als seine vorhergehenden Bücher; anders als „Sei du mir das Messer“ oder „Das Gedächtnis der Haut“. Denn von seinen politischen Essays abgesehen, hat der 55-jährige Schriftsteller, der zu den größten in Israel gehört, lange versucht, gerade nicht über die erwartbaren „Unheilzonen“ zu schreiben, nicht über das, was man in Israel „ha-Mazaw“ nennt, „die Lage“. Vielmehr schrieb er über Dinge, die ihm nicht weniger wichtig erschienen: über Eifersucht, obdachlose Kinder in Jerusalem, über ein Paar, das sich eine Liebessprache erfindet.

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August Lafontaine

Hansjörg Graf stellt den bei Zweitausendundeins neu aufgelegten Roman „Quinctius Heymeran von Flaming“ von August Lafontaine vor, der von Schiller und Arno Schmidt sehr geschätzt worden ist.

„Im „Quinctius Heymeran von Flaming“ bestimmen Aufklärung und Empfindsamkeit als die beiden Komponenten eines Zeitalters nicht nur den Gang der Handlung, sondern auch das Erscheinungsbild der Charaktere: Während der Baron Flaming senior, also der Vater des Titelhelden, auf seinem Gutshof in Zaringen dem „Stammbaumwesen“ frönt und eigensinnig darauf beharrt, seinen Adel auf römische Ursprünge zurückzuführen, arbeitet sein Schützling August Lissow in einem Berliner Elendsquartier als Sozialarbeiter.“

Kehlmann-Handke-Duelle

Daniel Kehlmann liefert sich ein Fernduell mit Peter Handke, stellt einen Kanon der Unterschätzten auf und gibt allerhand Missmut zur Protokoll. Eine Salzburger Depesche von Patrick Bahners.

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Grimmelshausens Simplicissimus

Thomas Schmid hat eine von Reinhard Kaiser in modernes Deutsch übersetzte Ausgabe von Grimmelshausens „Simplizissimus“ gelesen; er kommentiert die neue Ausgabe:

Man liest den Roman nun ohne Stocken, fast ohne Blättern in die Anmerkungen am Ende des zweiten Bandes. Die Übersetzung überzeugt vor allem deswegen, weil sie behutsam ist. Kaiser hat nicht den Versuch gemacht, das Buch mental in dieses Jahrhundert zu hieven und in heute gängige Jargons einzupacken – wie es kürzlich mit einer Neuübersetzung von T.S. Eliots „Waste Land“ geschah. Dieser Übersetzer war von der ersten bis zur letzten Zeile ein Diener des Autors. Er hat den Roman durch alle Barrieren hindurch in die Gegenwart geschmuggelt und ihn trotzdem einen Roman des 17. Jahrhunderts sein lassen.

Was ein Autor alles tun muss

oder der Film „Gestorben wird später“ von Hans Zengeler

Hans Zengeler: Gestorben wird später

Er ist endlich da, der neue Roman von Hans Zengeler mit dem Titel „Gestorben wird später“. Eine heitere, unterhaltsame Geschichte mitreißend erzählt. Ich hatte das Vergnügen, den Roman in der Rohfassung zu lesen – und war begeistert.

„Es war klar, dass es auf eine Katastrophe hinauslief. Musste es ja. Josef Bloch konnte sich nicht vorstellen, warum ausgerechnet er von den Schicksalsschlägen, die andere in den vergangenen Monaten reichlich getroffen hatten, verschont bleiben sollte. Es war Sonntag. Ihm blieben noch zwei Tage. Gleich nach dem Frühstück stieg Josef in das Zimmer unter dem Dach, um dort seinen letzten Willen zu Papier zu bringen …“
So beginnt der Roman um Josef Bloch, einen Endfünfziger, der glaubt, das Alter sei noch kein Thema für ihn. Warum auch, wo er doch bisher immer die Erfahrung gemacht hat, für viel jünger gehalten zu werden. Außerdem wirkt auch in ihm das bekannte Phänomen, dass immer nur die anderen älter werden, während man selbst glaubt, mit ewiger Jugend gesegnet zu sein. Das ändert sich für Josef schlagartig, als ihm plötzlich, ohne Vorwarnung, zwei seiner besten Freunde wegsterben, was ihn zu der Erkenntnis zwingt, dass er sich bereits mitten im Zielgebiet aufhält …
Ein durchaus heiterer Roman über das Leben und Sterben, über die Liebe und das leider unaufhaltsame Altern? Könnte sein. Manchmal allerdings zum Davonlaufen tragisch. Vor allem, wenn es einem selbst an den Kragen geht.

Eine Leseprobe finden Sie hier
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Ätzende Arroganz Günter Grass’

In Göttingen hat Günter Grass sein Tagebuch aus dem Jahr 1990 vorgestellt. Gekommen sind viele Fans. Der Autor forderte zur Diskussion auf – ließ diese dann aber lieber doch nicht zu. Benjamin von Stuckrad-Barre von der „Die Welt“ versuchte es trotzdem – und bekam die ätzende Arroganz von Grass ab.

Es ist läppisch, was wir hier über das Jahr 1990 gehört haben, verglichen mit Kempowskis Tagebuch desselben Jahres. Mich macht es zornig, wie Kempowski abgetan wurde als rechter Spinner, auch und gerade von Grass. Es ist ein Skandal, dass in unserem Deutschunterricht vor lauter Grass und Christa Wolf nie Platz für Kempowski war.
Dass Kempowskis Tagebücher so viel besser geschrieben sind als seins, dass sie viel Mutigeres und Interessanteres zur Wiedervereinigung enthalten, und dass man sich nur wundern kann, wie diametral entgegengesetzt zur literarischen Bedeutung die Aufmerksamkeit in Deutschland verteilt wurde. Und dass es doch einigermaßen verwunderlich ist, dass Kempowski zeitlebens vergeblich darauf warten musste, seine Jahre im Bautzener Zuchthaus als politische Haft anerkannt zu bekommen, und dass Grass ihm nie zur Seite gesprungen ist, was ihm doch ein Leichtes gewesen wäre! Und dass er, Grass, hier daherlabern darf, wie er mit Pfarrer Führer über Deutschland nachdenkt, und kurz drauf dann seiner Verwundung als 17-jähriger Waffen-SSler am 20. April, dem Geburtstag des Adolf Führer, gedenkt. Dass das einfach so durchgeht! Dass dieser Grass dieses Rederecht hat!

Das kommt natürlich nicht gut an im Saal, klar. Ich bin jetzt der Partyschreck, die Nervensäge. Unangenehm. Grass kann die Sache routiniert abbügeln, bekommt Applaus, und dieser Applaus sagt: Du Blödmann da, sei still, lass unseren Günter in Ruhe. Kempowski sei doch ein fleißiger Autor gewesen, und es sei doch schön, dass es so verschiedene Ansichten und Bücher gebe oder so ähnlich, gibt Grass mir mit auf den Weg.

Andere Fragen, bitte? Natürlich: Wie genau war das jetzt noch mal mit der Treuhand? Was ist mit der SPD, was ist von der Linken zu halten? Ist es nicht ein Skandal, dass in Ost und West noch immer unterschiedliche Löhne für dieselbe Arbeit gezahlt werden? Kann er alles erklären da vorn. Spricht hier ein Altkanzler oder ein Schriftsteller, fragt man sich dann doch.

Philip Roth „Empörung“

Schreiben war und ist sein Leben. In seinem Spätwerk beschäftigen ihn Alter und Sterben. Mit «Empörung» kehrt er zur Jugend zurück. Das Thema „Tod“ aber bleibt.  Marco Guetg hat sich mit Philip Roth und dessen Werk beschäftigt und rezensiert „Empörung“.

30 Bücher in 50 Jahren. Wer das geschafft hat, dürfte sich durchaus etwas zurücklehnen. Doch das kann Philip Roth (75) nicht. «Ich arbeite die ganze Zeit», sagte der Amerikaner diese Woche in einem Interview in der «Zeit». Ob er dabei glücklich ist, fragt er sich gar nicht. «Ich frage mich nur: Geht es voran mit der Arbeit?» Denn etwas ist ihm nicht geheuer, «die Zeit zwischen zwei Büchern. Dann weiss ich nicht, was ich mit mir anfangen soll».

Nun wissen wir nicht, in welcher Schaffensphase Roth gerade steckt. Nur so viel: Eben erscheint sein Roman «Empörung» auf Deutsch, und auf September ist in den USA «The Humbling» angekündigt. Unsere Vermutung: Roth befindet sich in der nicht so geschätzten Zwischenschreibphase, in der er nicht weiss, «was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Ich bin einfach zum Schreiben da.»
DAMIT ALLERDINGS hat Roth schon früh begonnen. 1959 erschienen die Erzählungen «Goodbye Columbus» – und der 25-Jährige erhielt dafür gleich den National Book Award! Seither publiziert der medienscheue Nobelpreis-Dauerkandidat alle zwei Jahre ein Buch; er hat inzwischen alle grossen amerikanischen Preise erhalten, Bill Clinton hat ihm die National Medal of Arts an die Brust geheftet, und sein Werk wurde vor drei Jahren gar in die Library of America aufgenommen, was einem Unsterblichkeitssiegel zu Lebzeiten gleichkommt.

Philip Roth setzt sein Erzählpersonal seit je den Extremen aus und rückt seinen Antihelden mit dem Seziermesser zu Leibe. Seine Themen sind Liebes- und Sexualnöte («Portnoys Beschwerden», 1969), die USA, seine jüdische Identität, in den letzten Jahren vermehrt das Alter und der Tod («Exit. Ghost», 2007). Mit «Empörung» ist Roth zur Jugend zurückgekehrt. Den Tod aber hat er nicht ausgeblendet.

Es ist 1951 und die USA stecken im Koreakrieg. Marcus Messner, 18-jährig, ein aufgeweckter Junge mit Karriereaussicht, wird von seinem überängstlichen Vater unerträglich bemuttert; der Junge flüchtet aus der bedrückenden Nähe und schreibt sich in Ohio in einem College ein. Doch kaum angelangt, kommt es zu einem verstörenden sexuellen Erlebnis mit einer Kommilitonin; plötzlich wird der Jude Messmer diskriminiert. Wider Willen wird er zum Rebellen, fälschlicherweise zum Rebellenführer gestempelt und vom College gewiesen. Marcus’ verhängnisvoller Fehler ist seine Neigung zur Empörung.

Das alles erfahren wir aus der Perspektive eines aufbegehrenden Ich-Erzählers. Dann bricht die Erzählung ab. Es folgt ein kurzes Nachwort und wir erfahren, was später geschah: Nach seinem Rausschmiss wird er in die Armee eingezogen und nach Korea geschickt, wo er bei einem Angriff richtiggehend abgeschlachtet wird und stirbt.

und Elmar Krekelehier unter dem Titel

«Empörung», diese Klage aus dem Jenseits über ein verpfuschtes Leben und Anklage gegen die Sinnlosigkeit des Todes, ist von beeindruckender Geschlossenheit und frei von jeglichem ornamentierendem Blendwerk. Philip Roth ist es in diesem Roman auf bewundernswerte Art gelungen, was er anderswo zu seinem narrativen Prinzip erhoben hat: «Ich habe versucht, die Prosa und das Erzählen so schmucklos und einfach zu halten, wie ich konnte.»

Wolfgang Popp bespricht „Empörung“ hier.

und Wolfgang Kerkeler hier unter dem Titel „See aus Sperma

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