Sabine Rohlf hat Julia Kristeva interviewt. Kirsteva ist Literaturtheoretikerin, Psychoanalytikerin Schriftstellerin und, um das bloß nicht zu vergessen, eine der wichtigsten Denkerinnen des europäischen Feminismus. In ihrer Trilogie “Das weibliche Genie. Das Leben. Der Wahn. Die Wörter”, die sie gerade in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt hat, widmet sie sich Hannah Arendt, Melanie Klein und Colette. Sie meint mit dem Titel “Das weibliche Genie” zu provozieren – und scheint zu vergessen, dass das einmal eine Provokation gewesen zu sein scheint, heutzutage aber längst kein mehr ist.
“”Genie” auf Frauen zu beziehen ist eine Provokation. Ich verfolge mit ihr zwei Ziele: Zum einen wende ich mich gegen die Tendenz, den Kampf für die Befreiung einer Gruppe auf Kosten der Individualität des Einzelnen gehen zu lassen. Sie kennzeichnet die großen Befreiungsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts, und es gibt sie auch unter Feministinnen. Daher der Appell: Bitte nehmt die Singularität, die individuellen Leistungen aller zur Kenntnis – das ist die Basis für jede Befreiung! Zweitens möchte ich zeigen, dass jede Frau, jeder Mensch über die Fähigkeit verfügt, über sich selbst hinauszuwachsen. Für mich ist Genie nicht das Unerreichbare, das Göttliche – es ist vielmehr die Fähigkeit, sich selbst zu überschreiten, und zwar in dieser Welt. Wer meine Bücher über Arendt, Klein und Colette liest, kann sehen, dass diese Frauen zunächst eine Menge Schwierigkeiten hatten, aber fähig waren, sie zu überwinden und ein Werk zu schaffen, das keineswegs romantisch, göttlich oder absolut gewesen ist, aber neue Horizonte eröffnet.”
Hannah Arendt im Banne des Feminismus? – Eines Feminismus, der sich längst überlebt hat?


