Tilmann Krause hat mitverfolgt, wie Jonathan Littell in Berlin mit Historikern über seinen Roman “Die Wohlgesinnten” diskutierte und unter anderem “die ans Schnöselhafte grenzende Nonchalance des Absolventen französischer Elite-Schulen” demonstrierte.
Wie gesagt, das Phänomen Littell gewinnt an Kenntlichkeit. Mit jedem seiner spärlichen Auftritte in der Öffentlichkeit mehr. Hatte er bei einer ersten Diskussion im Berliner Ensemble bereits versichert, wie sehr ihn die Massaker im auseinander brechenden Jugoslawien und in Tschetschenien, deren Zeuge er war, belehrt haben über das, was sich in Extremsituationen als menschenmöglich erweist, so ist bei einem weiteren Auftritt, Dienstag im Deutschen Historischen Museum zu Berlin, noch mehr zutage getreten. Littell, der sich in der Umrahmung durch gestandene Historiker sichtlich wohler fühlte als unlängst im Zwiegespräch mit dem Alt-68er Daniel Cohn-Bendit, referierte konzentriert und freimütig.
Deutlich wurde dabei zunächst einmal die Unbekümmertheit des Amerikaners, der Filme und Comics genauso sein Bild vom Nationalsozialismus hat bestimmen lassen wie die Erträge seriöser wissenschaftlicher Forschung, in der er auf so stupende Weise bewandert ist. Deutlich wurde zum zweiten die ans Schnöselhafte grenzende Nonchalance des Absolventen französischer Elite-Schulen, der sich dem profanum vulgus allein dadurch überlegen wähnt, dass er sich einfach methodisch für wahnsinnig versiert hält. Deutlich wurde schließlich drittens die generationsspezifische Fixierung auf theoretische Erklärungsmodelle, vor allem solche, die um die Sexualität zentriert sind.


