Jean-Améry-Renaissance

Jan Süselbeck ist beim Lesen des “Materialien”-Abschlussbandes der Jean-Améry-Werkausgabe der Ignoranz begegnet, mit der Jean Améry zu kämpfen hatte:

“Auffallend dagegen ist die schrille Unangemessenheit so mancher Formulierung aus den Rezensionen über Amérys Werke aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, die im Buch ebenfalls dokumentiert sind. Bei ihrer Lektüre wird dem heutigen Leser klarer, in welcher ignoranten Zeit Améry Texte veröffentlichte, wie seinen autobiografischen Leidensbericht ‘Jenseits von Schuld und Sühne’ (1966), in dem er seine Folterung durch die SS vergegenwärtigt. Die deutsche Auseinandersetzung mit der Schoah hatte mit dem Auschwitz-Prozess von 1963 erst zaghaft eingesetzt und war deshalb noch lange nicht bei allen Literaturkritikern angekommen.So bemüht Horst Krüger 1966 in der Zeit die geschichtsklitternde Formel von der “Erniedrigung des Hitlerfaschismus”, durch die Améry gegangen sei. Als wäre der Nationalsozialismus allein durch Hitler zur Wirkung gekommen und als könne man ihn einfach mit dem italienischen Faschismus vergleichen, der den Antisemitismus der Deutschen gar nicht kannte.
Améry selbst weist einen solchen unhistorischen Vergleich bereits in dem Interview von 1978 ausdrücklich zurück.
Karl Korn erwähnt 1968 in der FAZ beiläufig, Améry sei “ein Mann mit einem schweren Lebensschicksal - er ist in Belgien 1944/45 durch Zufall der Liquidation entgangen”. Nicht nur, dass die Datierung falsch war: Die Folterung und die darauf folgende jahrelange Odyssee durch deutsche KZs und Vernichtungslager schrumpft in der unscheinbaren Bemerkung zu einem dubiosen Ereignis, das uninformierte Leser auch als Folge einer Verurteilung für ein hier verschwiegenes Vergehen auffassen konnten. Selbst wohlwollende Stimmen wie die von Alfred Andersch aus einem Essay von 1977 sagen oft mehr über ihre Verfasser aus als über Améry. Andersch kann auch in seiner Würdigung Amérys nicht anders, als den Gelobten als personifizierte Waffe zu imaginieren. Auch wenn er ahnt, wie unpassend der Adressat das finden könnte: “Glatt durchschlägt das Geschoss den Panzer der Systeme. Améry, der sich kaum im Bilde eines Panzerschützen wird erkennen wollen, hat dennoch etwas von David mit der Schleuder.” Die Obsession, selbst Projektil zu werden, stammt von Ernst Jünger.”

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