„Die Grammatik der Toten“

Er scheint unberührt, fast kalt zu sein, Jonathan Littell, der Autor des Romans „Die Wohlgesinnten“ bei seinem ersten Auftritt in Berlin. Interviewt wurde er von Daniel Cohn-Bendit.

„Während Daniel Cohn-Bendit die erste Frage formuliert, greift Jonathan Littell auf der Bühne des Berliner Ensembles zum Feuerzeug, entzündet ein Zigarillo und hüllt sich in eine Rauchwolke. Aber den größten Teil des Abends wird er mit verschränkten Armen und übereinandergeschlagenen Beinen dasitzen. Wacher, ironischer Blick aus hellen Vogelaugen, markante Nase, schwarzer Anzug, offener weißer Hemdkragen, später kommen noch ein braunes Hütchen und ein schwarzer Ledermantel hinzu: ein bisschen der junge Beckett, ein bisschen der junge Belmondo. Das Feuerzeug wird er nachts in einem Club plötzlich vermissen. Er durchwühlt seine Taschen, will im Restaurant anrufen, in dem er vorher gegessen hatte, und muss feststellen, dass sein Handy keinen Empfang hat. In Jonathan Littells Gesicht zeichnet sich größte Besorgnis ab, Besorgnis an der Grenze zur Panik.“
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Die Pubertät des Martin Walser

Martin Walsers neuer Roman „Ein liebender Mann“ ist erschienen. Darin erzählt er vom alten Goethe und dessen Liebe zu einer jungen Internatsschülerin. Im Interview spricht Walser über den Altersunterschied als „neuen Rassismus“ – und verrät, warum er seinem pubertären Gehabe nie abschwören will.

„Martin Walser ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Deutschlands. Geboren wurde er am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft und einer Tätigkeit als Journalist feierte Walser bereits 1957 mit seinem ersten Roman „Ehen in Philippsburg“ einen großer Erfolg. Seither macht er sich einen Namen als ein unermüdlicher Schriftsteller, dessen Produktivität im Alter noch zu steigen scheint. Dass er, kurz vor seinem 81. Geburtstag, mit „Ein liebender Mann“ einen seiner leidenschaftlichsten und klügsten Romane vorlegt, hat sich bis zum Bundespräsidenten herumgesprochen.“

Ob es lohnt, wenigstens diesen Roman Martin Walsers von Anfang bis zum Ende zu lesen, steht auf einem anderen Blatt…

Martin Walsers Lesung in Weimar

Wohlwollend betrachtet Dirk Knipphals Martin Walser bei der Lesung in Weimar:

„Kronleuchter, Säulen, der Bundespräsident – alles wurde im Festsaal des Stadtschlosses aufgefahren, um diesen Goethe-Roman und seinen Autor würdevoll zu feiern. Selbst das Wetter spielte mit und zauberte einen Sternenhimmel über die Klassikerstadt. Nur Martin Walsers Krawatte stach aus alledem heraus. Auf ihr befanden sich giftig hellblaue, kaum zu identifizierende Muster; manche Beobachter wollen Autos auf ihr bemerkt haben. Diese Krawatte war das kleine anarchische Moment, ein Hinweis auf eine sympathische Leck-mich-am-Arsch-Haltung in dieser Rundum-Literaturweihe-Inszenierung. Letztlich stand die Krawatte Martin Walser sogar ganz gut. Sie war das, was von seinen üblichen Sujets her – den kleinbürgerlichen, vergrübelten Nicht-mit-sich-klar-Kommern – in diesen Weihewillen hineinragte.“