Klaus Theweleit greift all jene an, die mit Littell und seinen “Die Wohlgesinnten” nicht oder nicht viel anzufangen wissen.
“Gibt es Regeln in der Literatur, Frau Radisch?” “Aber ja”, schallt die Antwort, “aber nur!”, aus der “Zeit” wie aus manch anderem deutschen Feuilleton – einem Buch entgegen, dessen Ruf von Westen her über den Rhein gewaltig zu uns dringt; das überall entschieden besprochen ist, bevor der deutsche Verlag es überhaupt ausgeliefert hat; dem heftig die rote Karte gezeigt wird; dem nachgewiesen wird, dass man in Frankreich, wo dieser Schmarren 800.000 Mal verkauft worden ist, wieder mal keine Ahnung hat von so urdeutschen Angelegenheiten wie den Massenmorden des Zweiten Weltkriegs und der angestrebten Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazi-Deutschen. Es hallt ein Ruf wie Donnerhall: “So nicht, Herr Littell!”
Was hat er denn getan, der Arme? Er lässt auf 1381 Seiten – etwas reichlich, zugegeben – die deutsche Kriegs- und Ausrottungspolitik der Jahre 1941 bis 1945 von einem Ich-Erzähler ausbreiten, der unter dem Namen Max Aue, SS-Obersturmbannführer, figuriert. Er nennt das Ganze Roman, lässt die deutschen Mordgeschichten darstellen aus der Sicht und in der Sprache eines hochrangigen Täters, wobei er die Personennamen der tatsächlichen Geschichte benutzt. Historisch scheint er bestens informiert. Die SS-Leute, die auftreten, und die Handlungen, die er beschreibt, hat es gegeben. Aber: Täterperspektive, womöglich Einfühlung; “darf man das?” Wo wir sonst – Regel! – an Bücher aus der Opferperspektive gewöhnt sind; die wir gelernt haben, gut und geduldig zu goutieren.
Wollen die Deutschen tatsächlich nur die Opferrolle spielen? – Oder sind sie aus vielen anderen Gründen nicht einverstanden mit Littell?


