Erschienen heute: „Die Wohlgesinnten“

Im Vorfeld seiner Erscheinung in deutscher Sprache ist unheimlich viel über „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell geschrieben worden. Aber scheinbar noch nicht genug. Dirk Kniephals ist mit dem Lesen des Werks auch fertig geworden und hat seine Rezension zum Erscheinungsdatum des Romans gepostet. Er kommt zum Schluss

„Wenn man denn seine Erwartungshaltungen so weit abgesenkt hat, auch anliterarisiert weitergegebene historische Forschungen zu goutieren, bekommt man in der zweiten Hälfte des Buches einige Porträts von Nazigrößen und ihren Querelen untereinander geboten: Skizzen zu Albert Speer, Heinrich Himmler, Hans Frank, Adolf Eichmann und vielen Tätern mehr rollen vor einem ab (Adolf Hitler kommt nur einmal, in einem Fiebertraum verzerrt beschrieben vor). Über weite Strecken bietet das Buch viel Material über den Wirrwarr an Stimmen, Ambitionen und Führerwort-Interpretationen, der damals an den führenden Stellen des Regimes geherrscht haben muss. Gelegentlich steigert sich der Roman sogar zu einer Bürokratiegroteske und liefert auch noch interessante Einblicke, wie das Leben in Berlin im beginnenden Bombenkrieg ablief.
Das ist alles nicht schlecht und entschädigt für manches Krude. Das wirklich Seltsame aber ist: Mit seinen monströsen Seiten, der Gehirnmasse-und-Sperma-Prosa, kommt man leicht klar. Irritierend bleibt nach der Lektüre nur, dass man über diesen Max Aue gerne mehr erfahren hätte. Fast hat man den Eindruck, als habe sich Jonathan Littell mit seiner Monstrosität selbst zu sehr vor der Beschäftigung mit einem Nazi gewappnet.“

Ich werde das monumentale Werk nicht lesen. Sperma-Prosa kommt im Porno besser zum Zug…

Götz Aly sorgt für Ärger

Götz Aly sorgt mit seinem Buch „Unser Kampf“ überall für kleinen oder grösseren Ärger. Scheinbar auch in Österreich.
Der österreichische Philosoph Alfred Pfabigan schreibt unter dem Titel „Parole und Paranoia“

Also jener „Kampf“, den Aly beschreibt, war nicht „unser“ Kampf im Sinne dessen, was manche heute die „Bewegung“ der 68er nennen, sondern der des irregeleiteten Aktivisten Götz Aly und einer kleinen, damals wie heute medial präsenten Gruppe, die er uns vorführt. Die 68er, das kann man lernen, wenn man es nicht schon gewusst hatte, hatten einen totalitären Flügel mit einem Hang zur „direkten Aktion“, der die öffentliche Aufmerksamkeit mit Hilfe der Medien okkupierte, einfach weil er die bessere Geschichte hatte. Aber sind solche nicht unbekannten Fakten wirklich ausreichend für ein Buch? Dass die Übergänge zwischen den „angeblichen oder tatsächlichen emanzipatorischen Effekten des Protestes“ und der „massiven, direkt gegen Menschen gerichteten Gewalt“ fließend gewesen seien, ist schlicht ein reduktionistischer Blödsinn.
Was soll man also mit dem Buch anfangen? Es ist schwer lesbar, denn es hat ein Strukturierungsproblem, scheinbar folgt es einer Chronologie, doch tatsächlich verharrt es bei Episoden, die Aly für typisch nimmt und die er für Interpretationen verwendet, die sich durch die Jahrzehnte ziehen. Wer sich eine systematische Geschichte der 68er erwartet, wird es schnell enttäuscht zur Seite legen. Dennoch enthält es einige repräsentative Beobachtungen, die den überlebenden 68ern Anlass zur Selbstkritik geben können. Etwa das Herausar-beiten des Umstandes, dass viele 68er in-flationär vom Faschismus gesprochen haben, sich aber kaum an der – innerfami-
liär vielfach mühseligen – Aufarbeitung des Holocaust beteiligt, sondern mit ihrer Universalisierung des Faschismus-Begriffs und mit der Gleichsetzung von My Lai und Auschwitz die Geschehnisse im eigenen Land vernebelt haben.
Von der Relativierung des Holocaust zum Antisemitismus ist es oft nur ein kleiner Schritt…“

Wie wahr – und diesen Schritt haben die Alt-68er immer wieder und wieder getan.