Littells „Einschüchterungsprosa“

Sind das jetzt die weniger bedeutenden Kritiker, die da einen Tag vor Erscheinen von Jonathan Litttells Roman „Die Wohlgesinnten“ aus den Löchern kriechen – oder hat sich die erste Begeisterung für das Werk erschöpft und in Minne aufgelöst?
Eigentlich ist es vollkommen gleichgültig, doch es freut mich, dass auch Burkhard Scherer die Frage stellt, warum die Kritiken ein so bedeutungsschwangeres Raunen auslösen und zum Schluss kommt:

„Zwei Vermutungen drängen sich dazu auf: Texte mit vielen Leichen produzieren offensichtlich reflexhaft einen pietätvollen Umgang, als sei Kritik Störung der Totenruhe, und zweitens ist da der Aspekt der Einschüchterungsprosa, sensible Hochbildungspartikel hier und da, man könnte ja an einem vorbeigestolpert sein und damit die Zentralpointe verschlafen haben. Kristallisiert findet sich das zum Beispiel in einer der Frühstartrezensionen aus dem Bereich des deutschsprachigen Qualitätsfeuilletons: ‘Man traut sich nach einer ersten Lektüre nicht mit Sicherheit zu sagen, ob alles zuletzt nicht doch tiefer zusammenhängt.’ Nach einer zweiten Lektüre traut sich dieser Berichterstatter, mit Sicherheit – und mit Robert Gernhardt – zu sagen: ‘Mein Gott, ist das beziehungsreich! Ich glaub’, ich übergeb’ mich gleich.’“

Littells Müllhaufen

Georg Kleins Kritik an Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ hat Ina Hartwig Littell dazu gebracht, Littell mit den französischen poetes maudits. Langsam aber sicher wächst der Eindruck, diejenige Leser der „Wohlgesinnten“, die sich durch die über 1000 Seiten kämpfen, müssten pervers sein

„Nehmen wir de Sade und Bataille, in deren Werken das Morden selbst mit Wollust verknüpft ist. Die Lust wird, und das wäre ein Kriterium des ‘bösen Stils’, zum obersten Gesetz erhoben. Littells Held Max Aue ist aber selbst in Momenten des Triebdurchbruchs noch ganz er selbst. Kontrolliert, fast schon einen Tick selbstironisch fasst er zusammen: ‘Und so entschloss ich mich, den Arsch noch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten.’ Die Moral wird nicht in Amoral verkehrt, sondern das herrschende Strafrecht wird betrogen, ausgetrickst.“

Micha Brumlik, Leiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts, rümpft die Nase und geht noch liebloser um mit Littell:

„In diesem Sinn handelt es sich bei Littells ‘Roman’ literaturwissenschaftlich präzise um einen Müllhaufen aus Pornografie, seiner Thematik nicht entsprechenden Erzählstil, angelesener Zeitgeschichte und nicht zu Ende gedachten moralphilosophischen Bruchstücken.“