Ich bin beinah versucht, Iris Radisch dankbar zu sein, weil sie schreibt
Jonathan Littells Buch »Die Wohlgesinnten« will uns erklären, warum die Mörder mordeten, aber versinkt in widerwärtigem Kitsch
Den Grund für die Lobhudelei um Littell, ortet Radisch darin, dass der Romanautor versucht zu beschreiben, wie sich „Täterschaft von innen anfühlt“
Der detaillierte Bericht des nach Frankreich geflohenen SS-Mannes Dr. Max Aue über seine Jahrzehnte zurückliegenden Kriegserlebnisse füllt eine publizistische Lücke, die merkwürdigerweise noch niemandem aufgefallen war.
Diese Kühnheit hält die literarische Welt in Atem. Das Selbstporträt eines Mörders zu zeichnen, seine Kaltblütigkeit, seinen Amoralismus und seine Verwirrung in literarischer Stellvertreterschaft anzunehmen, ist ein Projekt von dostojewskijschem Format. Um es gleich zu sagen: Die ungewöhnliche Perspektive dieses ambitionierten Romans ist nicht das Problem. Sie ist im Gegenteil seine eminente Chance, dem Landser-Kitsch, dem Doku-Thriller und dem Edelporno zu entkommen, in die das Buch an vielen Stellen abzusinken droht.
Und schlussfolgert
Bleibt die allerletzte Frage: Warum sollen wir dieses Buch eines schlecht schreibenden, von sexuellen Perversionen gebeutelten, einer elitären Rasseideologie und einem antiken Schicksalsglauben ergebenen gebildeten Idioten um Himmels willen dennoch lesen? Ich muss gestehen: Pardon, chers amis français, aber auf diese Frage habe ich keine Antwort gefunden.


