Journalisten Aufstand

Die Krise im Berliner Verlag ist eskaliert, und zwar zu einem richtigen Aufstand: Die Redaktion der „Berliner Zeitung“ hat dem Chefredakteur und Geschäftsführer sowie dem Eigentümer des Verlags das Misstrauen ausgesprochen. Es mutet seltsam an, wenn dem Eigentümer eines Verlages von Journalisten befohlen wird, er solle sich einen Käufer für den Verlag suchen und verschwinden.
Michael Hanfeld beschreibt die Situation.

„Die Redaktion der „Berliner Zeitung“ fordert Montgomery nun in ihrem offenen Brief auf, seine „aktuelle Geschäftspolitik zu überdenken“. Sollte seine Mecom außer Stande sein, eine langfristige und publizistisch kohärente Geschäftsstrategie vorzulegen, „fordern wir, im Interesse der Zeitung und ihrer Leser, nach einem neuen, geeigneten Eigentümer“ zu suchen. Dem Chefredakteur Depenbrock erklären die Redakteure, dass sich nach zwei Jahren seiner Amtsführung sämtliche Befürchtungen bestätigt hätten.“

Tausenundeine Welt

Eine Anthologie der klassischen arabischen Literatur, herausgegeben und übersetzt von Johann Christoph Bürgel, nennt als Grund ihres Untergangs den islamischen Dogmatismus.

Bürgels Sammelband lässt die Dichter und Denker vergangener Jahrhunderte paradieren. Al-Ma’arri, der Blinde aus Syrien: ein arabischer Dante, in dessen «Epistel von der Vergebung» der Held eine metaphysische Reise unternimmt, um im Paradies vorislamische Dichter anzutreffen, die eigentlich in der Hölle sitzen müssten und kurios-dubiose Gründe dafür anführen, dass sie es nicht tun. Ibn Arabi, in Andalusien geboren, in Damaskus gestorben: ein bis heute von allen Freigeistern verehrter Weisheitslehrer, der den ungeheuerlichen Ratschlag abgab: «Sei ein Stoff für die Formen aller Glaubensinhalte, denn Gott ist weiter und gewaltiger, als dass ihn ein einziger Glaube in sich beschliessen könnte.» Ibn Challikan: ein Meister des Biografischen, der ein Lexikon mit achthundert Lebensbeschreibungen verfasste. Die «Lauteren Brüder von Basra»: ein Zirkel humanistisch gesinnter Persönlichkeiten, die Glauben und Intellekt, Vernunft und Offenbarung versöhnen wollten. Abu l-Faradsch al-Isfahani: ein heiterer Enzyklopädist. Sein «Buch der Lieder», das quer durch die Epochen und Länder Gedichte und ihre Verfasser, aber auch Sänger und Musiker vorstellt, umfasst sage und schreibe 24 Bände.
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Die arabische Dichtung steht von Anfang an unter einem erdrückenden Ressentiment. Denn zum einen zählten zu Mohammeds grössten Feinden wortmächtige Dichter; einige liess er um ihres antiislamischen Spottes willen töten. Zum anderen musste sich Mohammed von den Mekkanern anhören, er sei ja selber nur ein Dichter, beziehe seine Inspiration wie diese von den Geistern und nicht von Gott. Drittens: Einen wesentlichen Beitrag zur arabischen Literatur leisteten Übersetzungen aus dem Griechischen und anderen Sprachen; damit war aber auch ein guter Teil des nichtreligiösen arabischen Schriftgutes Fremdimport, den man als unislamisch diffamieren konnte.

Al-Dschahiz und seinesgleichen: Irgendwann standen sie unter Generalverdacht. Die klassische arabische Literatur endete schliesslich in Repetition, Schematismus, anbiederndem Fürstenlob, Harmlosigkeit. Die grossen Werke haben die Finsternis aber überdauert, mit all ihren erstaunlichen Sätzen wie dem des Ibn Arabi: «Ich folge der Religion der Liebe; wohin auch immer sich ihre Kamele wenden, da ist meine Religion und mein Glaube.»