Turin, Stätte der neuen Barbarei

In Italien tritt derzeit der Variantenreichtum des Antisemitismus, des Judenhasses zutage. Linksfaschisten und Neonazis spannen mit Tareq Ramadan und arabischen Schriftstellern zusammen…

Leider hat sich das politische und kulturelle Klima in Italien schon seit langem verschlechtert. Für diejenigen, die im Ausland leben, ist das kaum vorstellbar. In Italien war all das, was die Kontroverse um die Buchmesse in Turin und um den „Boykott Israels“ dort begleitet hat – nachdem Israel aus Anlass der Staatsgründung vor sechzig Jahren eingeladen worden war –, ein deutliches Zeichen. Ein prominenter Philosoph unterstützt offiziell diesen Boykott. Der neue Antisemitismus kommt von weit her, aber er ist eben neu. Er ernährt sich vom Nahostkonflikt und zieht Gewinn aus der Tragödie zweier Völker. Wer den Boykott gegen Israel unterstützt, muss sich der Wirkungen bewusst sein, die das hat, und sie verantworten.

Der Hass, der einst gegen die Juden gerichtet war, wendet sich heute gegen den Staat Israel, der zum Pariastaat, zum Symbol für alles Böse in der Welt geworden ist. Am Remembrance Day als Opfer erinnert, werden die Juden an dem nächsten Tag zu israelischen „Vollstreckern“ gemacht. Die Anklagen gegen die jüdischen Professoren auf der Neonazi-Website sind sehr eloquent.

Die jüngsten Stellungnahmen der katholischen Kirche, die in keiner Weise den Gedanken und Gefühlen der Katholiken entsprechen, und vor allem die letzten Erklärungen von Papst Benedikt XVI. und seine reaktionären Initiativen (etwa die zur Wiedereinführung des Karfreitagsgebets für die Bekehrung der Juden) fördern den Dialog überhaupt nicht. Im Gegenteil haben sie dazu beigetragen – und tragen sie dazu bei –, ein Klima nutzloser, schädlicher Feindseligkeit und Gegensätzlichkeit zu erzeugen.

Donatella de Cesare beschreibt ihre Erfahrungen, auch als eine Dozentin, deren Name auf der schwarzen Liste, welche von den Neonazis ins Netz gestellt worden ist, auftaucht.

Anschlag auf die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts

Christoph Becker, Direktor des Zürcher Kunsthauses und Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung Sammlung E. G. Bührle. In einem Essay legt er dar, welchen Stellenwert die dem Bührle-Museum gestohlenen Werke und die Sammlung insgesamt im Zusammenhalt mit der schweizerischen Museumslandschaft besitzen.

Zur Definition eines Museums gehört, dass es öffentlich zugänglich ist. Und jedes Museum, das Besucherinnen und Besucher empfängt, erfüllt den Auftrag, die Kunst zu zeigen und sie dem Betrachter nahezubringen. Damit ist ein Risiko verbunden, das durch technische Massnahmen und durch geschultes Personal reduziert, minimiert, jedoch nie vollkommen ausgeräumt werden kann. – Der materielle Wert eines Kunstwerks oder einer Sammlung lässt sich annäherungsweise festlegen, aber jedes einzelne Kunstwerk ist einmalig und unwiederholbar. Die Berichte und mehr noch die beklemmenden Bilder der leeren Museumswände im Haus der Stiftung Sammlung E. G. Bührle führen vor Augen, in welchem Ausmass die Sammlung getroffen wurde. Degas, Monet, van Gogh, Cézanne. Jedes der geraubten Bilder ist von höchstem ästhetischem und kunsthistorischem Rang.