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Verbot für ein ‘Kinderbuch’

Ein atheistisches Kinderbuch erregt die Gemüter im Deutschen Bundesfamilienministerium. Es trägt den Titel „Wo bitte gehts zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ und stammt von Helge Nyncke und Michael Schmidt-Salomon. Es soll auf den Index. Grund: Die Weltreligionen werden darin verunglimpft, besonders das Judentum.
Doch ist es wirklich ein Kinderbuch?, ist es nicht eher ein Buch für atheistische Eltern, die ihrem Kind mit diesem Buch ihren eigenen, mit Verlaub, Glauben einbläuen wollen?
“Wo bitte gehts zu Gott?”

Das Judentum, so das Ministerium, „werde als besonders Angst einflößend und grausam dargestellt“. Das stimmt, leider. Nicht nur werden bei der Darstellung des Judentums elementare Fehler gemacht, etwa indem die Synagoge vom Rabbi als „Tempel“ bezeichnet und behauptet wird, nur Juden dürften sie betreten. Einzig der Rabbi darf die schlichte Wahrheit aussprechen: „Gott, der Allmächtige, ist nicht nett!“ Eine Wahrheit, die er mit der Sintflut belegt.
Die Christen werden lächerlich gemacht, weil sie Plätzchen essen, die aus Menschenfleisch gemacht sind; die Muslime, weil sie sich so oft waschen; aber die Massenvernichtung der Ungläubigen ist in der Tat dem Juden vorbehalten. Hier wird wieder einmal deutlich: Wer sich von der Religion frei wähnt, ist oft Opfer ihrer dümmsten Vorurteile. Sicher hätten jüdische Atheisten die Sache ganz anders – weit weniger harmlos – dargestellt.

Das Buch, das ein Kinderbuch sein soll, ist derart grottenschlecht, dass es die Werbung, die ihm das Bundesministerium durch das Indexieren verschafft, nicht verdient. Schweigen wäre in diesem Fall weiser gewesen.
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re publica

Cicero (106–43 v. Chr.), Anwalt und aktiver Politiker, war zugleich philosophischer Schriftsteller und Theoretiker der Rhetorik. Er hat seine Hauptaufgabe darin gesehen, griechische Philosophie (Platon, Aristoteles, Stoa) in Rom heimisch zu machen und zu zeigen, dass Philosophie ein besonders intensives und diskussionsoffenes und -freudiges Erforschen der Wahrheit ist, das sich nicht mit einen sogenannt gesicherten Wissen einer bestimmten Lehrmeinung zufrieden geben darf.

Cicero hat seinen nur fragmentarisch erhaltenen Dialog „De re publica“ in den Jahren 54–52 verfasst. Der Text macht auf den ersten Blick einen heterogenen Eindruck. Er enthält beispielsweise neben einer erwartungsgerechten Diskussion über ,gute‘ und ,schlechte‘ Verfassungsformen eine für uns nicht mehr nachvollziehbare philosophische Rechtfertigung der Herrschaft Roms über den Rest der Welt, einschließlich der damit verbundenen Kriege, sowie mit dem abschließenden Somnium Scipionis einen Blick auf die Grenze des antiken Kosmos, von dem aus die terrestrische und mit ihr die politische Welt, die doch im Zentrum des Buches stehen, ohne jede Bedeutung sind.

Alfons Reckermann: Cicero, De re publica – Vom Gemeinwesen. Reclam Verlag, Stuttgart 1986
Idee hier gefunden

Siegfried Unseld und Peter Weiss – Briefwechsel

Der Briefwechsel dokumentirt das Zusammenwirken von Autor und Verleger und verweist gleichzeitig auf die literarische Entwicklung der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Da ist einmal Peter Weiss, der 1916 geborene Emigrant, der in Schweden wohnte und sein erstes Buch in deutscher Sprache 1960 veröffentlichte. Weiss begann als experimenteller Erzähler und Dramatiker, schuf später eine eigene Form des politisch engagierten Theaters und vollendete kurz vor seinem Tod 1982 Roman-Essay über die Kämpfe gegen die Epoche des Faschismus. Und dort ist der Verleger Siegfried Unseld, der verantwortlich für den Suhrkamp Verlag war und der alles daran setzte Werke experimentierender Autoren zu veröffentlichen und auf den Markt zu bringen und dafür zu sorgen, dass sich Leser für sie fanden.

Am Ende dieser literarischen Partnerschaft blieb nur Verbitterung. Die letzten Briefe, die zwischen den beiden so ungleichen Männern hin und her gingen, dokumentieren eine tiefe Enttäuschung. Nach zwanzig Jahren einer fragilen, immer wieder von Argwohn verdunkelten Freundschaft mussten Peter Weiss und Siegfried Unseld erkennen, dass die gegenseitige Entfremdung nicht mehr aufzuhalten war. Zu gross war der Gegensatz zwischen dem selbstquälerisch-vergrübelten, in seine Selbstbeobachtungsmanien verstrickten Schriftsteller und Maler aus Stockholm und dem stets enthusiastischen, die literarische Welt mit seiner Dynamik bestürmenden Verleger aus Frankfurt.

[ weiter lesen in der NZZ ]

Väter und Söhne – Nachtrag zu Havemann

Mathias Wedel hofft, dass Suhrkamp den Roman Havemann auch in der Neuauflage sein lässt, was er ist: eine große Familiensaga und der gescheiterte Versuch des Florian H., mit sich und seinem Alten klarzukommen.
Zu Wedels Artikel auf KonkretOnline

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Morton versus Schirrmacher

Der Tom-Cruise-Biograf Andrew Morton kritisiert im Gespräch mit Dagmar von Taube den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher:

Morton: Er scheint ein Journalist zu sein, der seine Objektivität verloren hat, wenn er als Apologet von Scientology agiert. Er wurde halt geblendet wie viele. Das ist Teil des Plans, um Ablehnung abzubauen. Ich würde ihm wirklich vorschlagen, das Thema Scientology etwas profunder zu recherchieren und mit Leuten zu sprechen, deren Leben von Scientology zerstört wurde, bevor er einen solchen Preis vergibt.
WELT ONLINE: Schirrmacher sagt, nicht die religiöse Neigung, sondern die Leistung des Schauspielers geehrt zu haben.
Morton: Bloß dass der Scientologe und der Schauspieler ein und dieselbe Person sind – das sagt ja Cruise selbst. Ich würde diesen Herrn gern mal bitten, seinem tollen Freund Cruise folgende Frage zu stellen: Tom, Sie sind ein Familienmensch. Warum unterstützen Sie eine Organisation, die darauf ausgerichtet ist, Familien zu zerstören?

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„Angst. Antisemitismus in Polen“

Dass diese Buchbesprechung ausgerechnet heute publiziert wird, kommt nicht von Ungefähr. Heute ist Holocaust-Gedenktag. Mit seinem Buch deckt Jan T. Gross einen der grössten Skandale Polens nach dem Krieg auf. In Polen wurden nach Kriegsende 1500 Juden getötet.

„Der Täter erzählt ungerührt, als habe er ein Stück Vieh zerlegt. »Ich habe einen Juden drei Mal mit dem Stein auf die Brust, das rechte Bein und den Kopf getroffen, dann ging ich weg. Ich möchte betonen, dass das Blut von dem Juden auf meine Kleidung spritzte. Als ich mir die Hose gesäubert hatte, sah ich, dass sie einen anderen Juden an den Beinen und Händen rausschleppten wie ein Kalb. (…) Sie schlugen den Juden erst mit Stöcken, dann mit Eisenrohren. Am Anfang rührte sich der Jude etwas und schrie, aber sie schlugen ihn auf den Mund, und er hörte auf zu schreien. Der erste Jude, den ich getötet habe, schrie bei mir nicht.« An diesem Tag starben 36 Juden in der südöstlichen polnischen Stadt Kielce. Das Grauen ereignete sich in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, man schrieb den 4. Juli 1946. Die Juden wurden nicht von Deutschen gelyncht. Sie starben durch die Hand von Polen.
Die Passage stammt aus Polens neuem Beststeller, dem Buch »Angst« (»Angst. Antisemitismus in Polen nach dem Krieg. Geschichte eines moralischen Niedergangs«, Krakau 2008) des polnischen Historikers und Soziologen Jan Tomasz Gross, der seit den sechziger Jahren in den USA lebt und dort in Princeton Geschichte doziert. Die ersten 25000 Exemplare waren binnen einer Woche verkauft. Und die Reaktionen auf das Buch stehen dem Verkaufserfolg in nichts nach. Als »Polen- und Judenhasser« hat man den 61-Jährigen bezeichnet, als Nestbeschmutzer diffamiert. Denn mit den Anschuldigungen, die Gross gegen die Polen erhebt, trifft er ihren empfindlichsten Punkt: Er rüttelt an dem über Jahrhunderte gepflegten Opfermythos, er zerstört das Bild von den Polen als edlen Widerstandskämpfern. Und er nimmt die polnische Gesellschaft kollektiv in die Verantwortung für das, was mit den polnischen Juden nach dem 8. Mai 1945 geschah. Die antisemitischen Exzesse seien keine Erscheinung am Rande der polnischen Gesellschaft gewesen, behauptet Gross. Sie fanden offen statt.“


Quelle und mehr

Florian Havemann – Neuauflage?

So kann es einem Buch ergehen: Verkauf der Gesamtauflage, Klagen von Leuten, die sich im Buch wiederzuerkennen glauben, Juristenfutter und Richterbeschäftiger – und schließlich findet es seinen Weg ins Netz.

„Havemann“ ist gegenwärtig nicht lieferbar. Die erste Auflage wurde weitgehend verkauft, dann musste der Suhrkamp Verlag, nachdem juristische Schritte angedroht worden waren, das indiskrete Werk zurückziehen. Aber dieses Buch wird seinen Weg machen, so oder so. Denn es enthält ein derart dichtes Porträt deutscher Zustände, von der NS-Zeit über die DDR bis heute, von nahem gesehen, im Mikrokosmos einer Familie, einer Freundes- und Kunstwelt, dass es mit einer inneren Notwendigkeit auftreten kann.

Die Kritik hatte sich zunächst auf die skandalisierbaren Passagen geworfen, auf das ungünstige Bild, das Florian Havemann von Wolf Biermann zeichnet (aber nicht von diesem kamen die juristischen Schritte), und auf den vermeintlichen Vatermord, also die krass-realistische, eben auch Schattenpartien verdeutlichende Schilderung der Welt des Vaters, des gefeierten DDR-Oppositionellen Robert Havemann.
Und tatsächlich schreibt Florian Havemann manchmal wie ein Berserker, aber eben auch mit großer Geduld, in die komplizierten Einzelheiten gehend, immer wieder von einer andern Seite her die Menschen betrachtend. Und welche Menschen: den Dichter Erich Fried, den Dramatiker Thomas Brasch, den Revolutionär Rudi Dutschke. Niemals mit einem sterilen Hass, aber eben auch nie mit der interessierten Legende paktierend, die sich um diese Menschen gewoben hat.

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Zum Holocaust Gedenktag

Am 27. Januar ist Holocaust-Gedenktag. Es scheint, als würde in breiten Kreise versucht, das Erinnern der Ereignisse, die diesen Gedenktag notwendig machen, auszumerzen. Simone Veil hat den Wahnsinn des Konzentrationslagers Ausschwitz überlebt. Sie schildert in ihrer Autobiografie das Grauen der Deportation und der Lagerhaft – und sie beschreibt, wie ihr späteres Leben vom Holocaust geprägt blieb.

„Wir sind keine Menschen mehr, nur noch Vieh.(…) Innerhalb von Stunden waren wir also all dessen beraubt worden, was uns bis dahin ausgemacht hatte.“

Auszug aus „Une Vie“, Autobiografie von Simone Veil, erschienen bei Stock 2008
Hier gehts zur Todesfuge von Paul Celan

Rote Köpfe am Feuilleton-Stammtisch

Das bizarre Video-Blog des Feuilleton-Chefs der «Zeit» löste im gesamten deutschen Feuilleton einen schrillen Streit aus. H. Sf., das ist vermutlich Heribert Seifert, betrachtet den Streit um Jens Jessens Videoblog und Frank Schirrmachers Bürgerkriegsbeschwörung sowie die bizarre Wendung, mit der sich alle nun wieder gegen Hasstiraden im Internet verbünden, aus Schweizer Sicht. „Will man diesem wüsten Drunter und Drüber überhaupt einen Erkenntniswert einräumen, dann liegt er wohl in der melancholisch stimmenden Einsicht, wie hemmungslos ein paar Medienmenschen ihre eigenen Schrullen und selbst noch ihre Fehlleistungen zu einem öffentlichen Ereignis machen.“